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Mission Sulu   -   die geteilte Liste

Agentenroman von Graf Falkenstein

 

Hauptfigur:
Jonas Falk, 42, BND-Agent mit Vergangenheit bei einer Spezialeinheit. Nach einem gescheiterten Einsatz in Afghanistan arbeitet er nur noch im Nachrichtendienst – bis ihn ein alter Vorgesetzter zurückholt.

Die Geisel:

Anna von Keller, 29, Tochter eines deutschen Spitzenpolitikers. Sie reist offiziell auf die Philippinen, um eine Hilfsorganisation zu besuchen. Während eines Transfers wird ihr Fahrzeug überfallen. Die Entführer bringen sie auf eine abgelegene Insel.

 

Der politische Hintergrund:

Berlin darf nicht öffentlich eingreifen. Die Entführer verlangen ein hohes Lösegeld und drohen damit, Anna vor laufender Kamera zu töten. Gleichzeitig gibt es Hinweise, dass die Entführung nicht nur finanziell motiviert ist: Jemand innerhalb Europas scheint Informationen über Annas Reise an die Täter weitergegeben zu haben.

 

Der Schauplatz:

Die Handlung verlagert sich von Manila über Zamboanga bis in den Sulu-Archipel. Die Inselkette liegt zwischen Mindanao und Borneo und bietet mit ihren zahlreichen Inseln und schmalen Seewegen eine passende Thrillerkulisse.

Teil 1

Kapitel 1 - Die letzte Fahrt

Der Regen kam ohne Vorwarnung. Eine Minute zuvor hatte die Straße noch im heißen, flimmernden Licht des späten Nachmittags gelegen, gesäumt von Palmen, Verkaufsständen und dicht gedrängten Häusern. Nun prasselte das Wasser auf das Dach des schwarzen Toyota, während die Scheibenwischer gegen die Wassermassen ankämpften.

Anna von Keller sah aus dem Seitenfenster. Die Stadt lag inzwischen weit hinter ihnen, die Häuser wurden seltener, und die Straße wand sich zwischen dichtem Grün hindurch.

„Wie lange noch?“

Der Fahrer warf ihr einen kurzen Blick über den Rückspiegel zu. „Etwa vierzig Minuten.“

„Bis zum Hotel?“

„Nein. Bis zum Anleger.“

Anna lächelte müde. „Dann habe ich mich also doch nicht verfahren.“

Der Fahrer antwortete nicht, und erst jetzt fiel ihr auf, dass seine Stimme sich verändert hatte. Sie nahm ihr Handy aus der Tasche. Kein Empfang. Vor zehn Minuten hatte sie ihrer Mutter noch eine Nachricht geschickt: Bin bald da. Alles gut. Jetzt war die Verbindung abgebrochen.

„Sind wir noch auf der richtigen Strecke?“

„Ja.“

Die Antwort kam so prompt, dass sie Anna beunruhigte. Sie musterte den Fahrer im Rückspiegel. Anfang fünfzig, ruhiges Gesicht, dunkle Augen. Am Morgen hatte man ihn ihr als Mitarbeiter des örtlichen Sicherheitsdienstes vorgestellt. Seinen Namen hatte sie vergessen, und plötzlich ärgerte sie sich darüber.

Dann bemerkte sie den dunklen Geländewagen, der ihnen seit mehreren Minuten folgte. Er verschwand hinter einer Kurve und tauchte kurz darauf wieder auf.

„Kennen Sie den Wagen?“

Der Fahrer schwieg.

Anna richtete sich auf. „Halten Sie bitte an.“

Keine Reaktion.

„Ich sagte, halten Sie an.“

Statt zu bremsen, beschleunigte er. In diesem Moment erloschen die Scheinwerfer des vorausfahrenden Fahrzeugs. Der Toyota fuhr in völlige Dunkelheit, und unmittelbar darauf erschütterte ein dumpfer Schlag den Wagen. Anna wurde gegen die Tür geschleudert. Der Fahrer verlor die Kontrolle, der Toyota geriet ins Schleudern und kam quer auf der Straße zum Stehen.

Für einen Augenblick herrschte Stille, dann hörte Anna draußen Türen, Stimmen und Schritte im Regen. Sie griff nach der Tür, doch sie war verschlossen.

„Was machen Sie?“

Der Fahrer stieg aus, ohne ihr zu antworten. Anna sah, wie er um den Wagen herumging, und dann wurde die hintere Tür aufgerissen.

Ein Mann stand draußen, das Gesicht unter einer Kapuze verborgen, eine Waffe in der Hand.

„Aussteigen.“

Anna erstarrte. „Bitte.“

Der Mann wiederholte den Befehl, diesmal leiser. Sie sah zum Fahrer, der einige Meter entfernt stand und demonstrativ in eine andere Richtung blickte. In diesem Augenblick begriff sie, dass er zu ihnen gehörte.

Sie stieg aus. Der Regen lief ihr über das Gesicht, ihre Schuhe versanken im aufgeweichten Straßenrand. Ein zweiter Mann kam auf sie zu und nahm ihr die Tasche ab.

„Mein Vater wird wissen, dass ich hier bin.“

Der Mann blieb stehen. Zum ersten Mal sah Anna sein Gesicht richtig. Er war jünger, als sie gedacht hatte, vielleicht dreißig, und er lächelte.

„Genau deswegen bist du hier.“

Anna spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. „Was wollen Sie?“

„Nicht dein Geld“, sagte er leise.

Hinter ihnen startete der Geländewagen. Anna blickte in die Dunkelheit, doch bevor sie noch etwas sagen konnte, wurde ihr eine Kapuze über den Kopf gezogen. Die Welt verschwand.

Zwei Stunden später

Jonas Falk saß in einem abgedunkelten Büro in Berlin und betrachtete das Foto auf seinem Schreibtisch. Anna von Keller lächelte darauf unbeschwert in die Kamera, aufgenommen vor drei Monaten bei einem Empfang im Auswärtigen Amt.

Neben ihm stand ein Mann, den er seit fast zehn Jahren kannte.

„Wann?“, fragte Falk.

„Vor neunzig Minuten.“

„Bestätigung?“

„Keine.“

Falk sah ihn an. „Dann ist sie nicht tot.“

Der andere Mann schwieg. Falk nahm das Foto hoch und betrachtete Annas Gesicht.

„Wer wusste von ihrer Route?“

„Offiziell? Neun Personen.“

„Und inoffiziell?“

„Das versuchen wir gerade herauszufinden.“

Auf dem Tisch lag ein zweites Blatt Papier. Darauf standen drei Wörter:

PHILIPPINEN. GEISELNAHME. SOFORT.

Falk legte das Foto zurück. „Wann geht der nächste Flug?“

„In drei Stunden.“

Er griff nach seiner Jacke. „Dann haben wir drei Stunden.“

„Jonas.“

Falk blieb an der Tür stehen.

„Du fliegst nicht dorthin, um sie zu retten“, sagte der Mann am Tisch. „Du fliegst dorthin, um herauszufinden, wer sie entführt hat.“

Falk sah noch einmal auf das Foto. „Und wenn ich sie finde?“

Die Antwort kam erst nach einigen Sekunden.

„Dann sehen wir weiter.“

Falk öffnete die Tür. Im Flur war es still. Hinter ihm blieb das Foto auf dem Tisch liegen, und Anna lächelte darauf noch immer.

Draußen begann es zu regnen. Tausende Kilometer entfernt fuhr ein schwarzer Wagen durch die Nacht, die Scheinwerfer ausgeschaltet, mit einer deutschen Geisel im Inneren.

Kapitel 2 – Die Spur

 Manila empfing Jonas Falk mit feuchter Hitze, Verkehrslärm und dem Geruch von Abgasen.

Als er das Flughafengebäude verließ, schlug ihm die tropische Luft entgegen. Nach den klimatisierten Räumen des Flugzeugs fühlte sich die Nacht wie eine Wand an. Über der Stadt hing ein tiefes, rötliches Leuchten, und irgendwo in der Ferne grollte Donner.

Falk blieb einen Augenblick stehen und ließ den Blick über die wartenden Fahrzeuge schweifen.

Er suchte niemanden.

Er wartete darauf, erkannt zu werden.

Ein silberner Wagen rollte langsam an den Bordstein. Der Fahrer öffnete die Tür.

„Herr Falk?“

Falk nickte und stieg ein.

„Mendoza“, sagte der Fahrer. „Deutsche Botschaft.“

„Sie wissen, wer ich bin?“

Mendoza lächelte kurz. „In Manila weiß jeder, wer aus einem deutschen Regierungswagen steigt.“

Falk sah aus dem Fenster.

Der Wagen setzte sich in Bewegung und verschwand im nächtlichen Verkehr.

„Was haben wir?“

Mendoza schwieg zunächst.

„Eine schlechte Nachricht.“

„Welche?“

„Die Entführer haben sich gemeldet.“

Falk drehte den Kopf.

„Wann?“

„Vor einer Stunde.“

„Forderung?“

„Noch keine.“

Falk runzelte die Stirn.

„Was wollten sie dann?“

Mendoza sah ihn im Rückspiegel an.

„Sie wollten beweisen, dass sie Anna haben.“

Er griff nach einem Umschlag auf dem Beifahrersitz und reichte ihn nach hinten.

Falk öffnete ihn.

Darin lag ein einzelnes Foto.

Anna.

Sie saß auf einem Stuhl, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Ihr Gesicht war blass, aber sie war unverletzt. Hinter ihr eine nackte Betonwand.

Falk betrachtete das Bild lange.

„Wann wurde es aufgenommen?“

„Wir wissen es nicht.“

„Sie trägt dieselbe Kleidung wie auf dem letzten Foto vom Flughafen.“

„Ja.“

Falk drehte das Bild um.

Auf der Rückseite stand eine handgeschriebene Nachricht.

SIE IST LEBENDIG. NOCH.

Falk gab Mendoza das Foto zurück.

„Wer hat es übermittelt?“

„Eine unbekannte Nummer.“

„Und die Forderung?“

„Keine.“

Falk sah wieder aus dem Fenster.

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Genau.“

Der Wagen bog von der Hauptstraße ab.

Die hell erleuchteten Geschäftsviertel blieben hinter ihnen zurück. Vor den Fenstern zogen dunkle Häuser vorbei, kleine Geschäfte und Gassen, in denen das Leben auch um diese Uhrzeit nicht zur Ruhe kam.

Falk dachte an das Foto.

Keine Lösegeldforderung.

Kein Ultimatum.

Keine politische Forderung.

Nur der Hinweis, dass Anna noch lebte.

„Wer hat Zugang zu ihrem Reiseplan?“, fragte er.

„Wir gehen gerade alle Namen durch.“

„Das war nicht meine Frage.“

Mendoza schwieg.

Falk wartete.

„Mehr Menschen, als uns lieb ist“, sagte der Fahrer schließlich.

„Wie viele?“

„Wir wissen es nicht.“

Falk lehnte sich zurück.

Genau das hatte er befürchtet.

Wenn die Entführung spontan gewesen wäre, hätten die Täter Zeit gebraucht, um Anna zu identifizieren, ihre Bewegungen zu verfolgen und einen geeigneten Ort für die Geisel zu finden.

Aber sie hatten gewusst, wann sie losfuhr.

Sie hatten gewusst, welchen Wagen sie nahm.

Und sie hatten gewusst, dass sie unbewacht genug war, um sie von der Straße zu holen.

Das bedeutete, dass jemand sie vorbereitet hatte.

Jemand, der Zugang zu Informationen besaß.

„Wie lange war sie heute unterwegs?“

„Seit neun Uhr morgens.“

„Wer hat die Route festgelegt?“

„Das örtliche Organisationsteam.“

„Und wer hat sie geändert?“

Mendoza antwortete nicht.

Falk sah ihn an.

„Mendoza.“

Der Fahrer atmete langsam aus.

„Die Route wurde heute Nachmittag geändert.“

„Warum?“

„Angeblich wegen eines Problems auf der ursprünglichen Strecke.“

Falk spürte, wie sich etwas in seinem Nacken verspannte.

„Wer hat die Änderung angeordnet?“

„Ein Sicherheitsberater der philippinischen Organisation.“

„Name?“

Mendoza nannte ihn.

Falk wiederholte den Namen leise.

Er kannte ihn nicht.

Aber jemand würde ihn kennenlernen.

Der Wagen hielt vor einem unscheinbaren Gebäude.

Falk stieg aus.

„Was jetzt?“, fragte Mendoza.

Falk sah zum dunklen Eingang.

„Jetzt finden wir heraus, wer Anna verkauft hat.“

œZur gleichen Zeit öffnete Anna die Augen.

Zuerst hörte sie nur das Meer.

Ein gleichmäßiges, dunkles Rauschen, das durch die Wände drang.

Dann spürte sie den Schmerz in ihren Handgelenken.

Sie lag auf einem dünnen Matratzenstück auf einem Betonboden. Ihre Hände waren hinter ihrem Rücken gefesselt. Das Zimmer war klein, vielleicht drei Meter breit. Eine nackte Glühbirne hing von der Decke.

Anna versuchte, sich aufzusetzen.

Die Tür war geschlossen.

Sie wusste nicht, wie lange sie bewusstlos gewesen war.

Minuten?

Stunden?

Sie erinnerte sich an den Regen. An die Straße. An das Gesicht des jungen Mannes.

Genau deswegen bist du hier.

Anna schloss die Augen.

Sie zwang sich, ruhig zu atmen.

Panik würde ihr nicht helfen.

Sie begann nach Einzelheiten zu suchen.

Das Fenster.

Klein.

Vergittert.

Dahinter Dunkelheit.

Das Meer.

Sehr nah.

Sie hörte Schritte.

Anna hielt den Atem an.

Ein Schlüssel drehte sich im Schloss.

Die Tür öffnete sich.

Der junge Mann trat herein.

Diesmal trug er keine Kapuze.

Er stellte eine Flasche Wasser auf den Boden.

„Du solltest trinken.“

Anna sah ihn an.

„Wo bin ich?“

„Auf einer Insel.“

„Welche?“

Er lächelte.

„Das musst du nicht wissen.“

„Was wollen Sie von meinem Vater?“

Das Lächeln verschwand.

„Dein Vater hat etwas, das uns gehört.“

Anna schüttelte den Kopf.

„Er hat nichts von Ihnen.“

Der Mann ging zur Tür.

Bevor er sie wieder schloss, drehte er sich um.

„Das sagt er auch.“

Die Tür fiel ins Schloss.

Anna blieb allein zurück.

Doch diesmal hatte sie etwas bemerkt.

An seiner rechten Hand trug der Mann einen Ring.

Ein dunkler Metallring mit einem kleinen, eingravierten Falkenkopf.

Anna wusste nicht, warum sie sich ausgerechnet dieses Detail merkte.

Aber etwas in ihr sagte, dass es wichtig war.

Kapitel 3 – Die Nacht auf dem Wasser

 Der Anruf kam kurz nach Mitternacht.

Mendoza stand noch immer über den Karten, als sein Telefon vibrierte. Er nahm ab, hörte einige Sekunden zu und sah dann zu Falk.

„Sie haben das Boot gefunden.“

Falk trat an den Tisch. „Wo?“

Mendoza zeigte auf einen Punkt südwestlich ihrer Position. „Ein Fischer hat vor einer Stunde ein Schnellboot gesehen. Zwei Außenbordmotoren, sechs Männer an Bord. Einer davon soll eine Frau bewacht haben.“

„Kurs?“

„Südwest. Direkt auf eine kleine Inselgruppe zu.“

Falk betrachtete die Karte. Zwischen den Inseln lagen zahlreiche flache Buchten und unübersichtliche Küstenabschnitte.

„Wie sicher ist die Identifizierung?“

„Der Fischer hat das Kennzeichen fotografiert.“

Mendoza schob ihm das Handy zu.

Das Bild war unscharf, aber Falk erkannte das Boot.

„Das ist unser Fahrzeug.“

„Die Küstenwache hat ein Patrouillenboot in der Nähe.“

Falk schüttelte den Kopf. „Das nehmen wir nicht.“

Mendoza sah ihn an.

„Warum?“

„Weil sie uns auf dem Radar sofort erkennen würden. Die Entführer würden umkehren oder Anna an Land bringen, bevor wir sie erreichen.“

Falk nahm den Stift und markierte eine kleine Insel auf der Karte.

„Hier.“

Mendoza beugte sich über den Tisch.

„Die alte Anlegestelle?“

„Genau. Wenn sie weiter diesen Kurs halten, müssen sie irgendwann entscheiden, ob sie aufs offene Meer hinausfahren oder hier an Land gehen.“

„Und wenn sie anlegen?“

„Dann haben sie nur wenige Möglichkeiten, die Insel zu verlassen.“

Falk zog eine zweite Linie über die Karte.

„Wir nähern uns von Süden. Nicht direkt hinter ihnen. Wir bleiben außerhalb ihrer Sichtweite und lassen sie glauben, dass sie uns abgeschüttelt haben.“

Mendoza verstand.

„Du willst sie zur Insel treiben.“

„Nicht treiben. Sie sollen selbst glauben, dass die Insel ihre sicherste Möglichkeit ist.“

„Und dann?“

Falk zeigte auf die Küste.

„Das Patrouillenboot fährt weiter westlich und wartet dort. Wir gehen an der Nordseite an Land. Sobald die Entführer anlegen, schließen wir die beiden wichtigsten Wege ins Inselinnere.“

Mendoza sah auf die Karte.

„Und wenn sie Anna mitnehmen?“

„Dann verfolgen wir sie nicht sofort.“

„Warum nicht?“

Falk sah ihn an.

„Weil sie uns direkt zu ihrem Versteck führen könnten.“

Er nahm den Stift.

„Sie wissen nicht, wie viele Leute wir haben. Sie wissen nicht, wo wir landen. Und sie wissen nicht, ob wir ihnen folgen.“

Mendoza nickte langsam.

„Du willst, dass sie sich sicher fühlen.“

„Nur lange genug.“

Falk stand auf.

„Und sobald Anna außer unmittelbarer Gefahr ist, greifen wir ein.“

Eine Stunde später lag das Meer schwarz unter dem Nachthimmel.

Das Schnellboot der philippinischen Einheit lief mit gedrosseltem Motor südlich der Inselgruppe entlang. Falk saß neben Mendoza im vorderen Teil des Bootes und beobachtete die dunkle Küstenlinie.

„Noch nichts“, sagte Mendoza.

Falk hob das Nachtsichtgerät.

Weit vor ihnen erschien ein schwaches Licht.

Dann ein zweites.

Das Entführerboot.

„Sie haben die Insel erreicht“, sagte Mendoza.

Falk nahm das Gerät herunter.

„Noch nicht.“

Das Boot änderte seinen Kurs.

Es fuhr zunächst an der Küste entlang, als suche der Fahrer nach einer geeigneten Stelle.

Falk wartete.

Dann ging das Licht aus.

„Sie wollen nicht gesehen werden.“

„Das war zu erwarten.“

Falk griff nach dem Funkgerät.

„Jetzt.“

Die Antwort kam unmittelbar.

Das Patrouillenboot, das bisher außerhalb der Sichtweite gewartet hatte, änderte seinen Kurs und tauchte weiter westlich auf. Kein Scheinwerfer, kein Signal. Nur ein dunkler Schatten auf dem Wasser.

Das Entführerboot bemerkte ihn trotzdem.

Es drehte sofort ab.

Falk beobachtete die Bewegung.

„Genau.“

Mendoza sah ihn an.

„Was?“

„Sie glauben, wir kommen von Westen.“

Das Entführerboot beschleunigte und steuerte direkt auf die kleine Bucht an der Nordseite der Insel zu.

Falk lächelte nicht.

„Jetzt landen sie.“

Anna hörte den Motor langsamer werden.

Sie saß auf dem Boden des Bootes, die Hände gefesselt, während der junge Mann am Steuer immer wieder zurückblickte.

„Was ist los?“, fragte sie.

Keine Antwort.

Dann sah sie durch die offene Seitenwand eine dunkle Küste.

Das Boot glitt in eine schmale Bucht.

„Wir gehen an Land“, sagte der junge Mann.

Einer der Männer sprang ins Wasser und zog das Boot näher ans Ufer. Die anderen folgten.

Anna wurde hochgezogen.

„Los.“

Sie stolperte durch das flache Wasser.

Vor ihnen begann dichtes Buschwerk.

Der junge Mann mit dem Falkenring sah noch einmal aufs Meer.

Dort war nichts.

Keine Verfolger.

Er atmete erleichtert auf.

Genau darauf hatte Falk gewartet.

Falk stand inzwischen auf der gegenüberliegenden Seite der Insel.

Das Boot lag verborgen zwischen Mangroven. Die Männer seines kleinen Teams waren bereits an Land gegangen.

Mendoza kam zu ihm.

„Sie sind in der Bucht.“

Falk nickte.

„Wie viele?“

„Sechs.“

„Und Anna?“

„Bei ihnen.“

Falk blickte durch das Dunkel in Richtung der Bucht.

„Dann warten wir noch.“

„Warum?“

„Weil sie glauben, dass sie uns entkommen sind.“

Mendoza verstand plötzlich.

„Du willst, dass sie sich vom Boot entfernen.“

„Ja.“

„Und wenn sie Anna mitnehmen?“

„Dann wissen wir, wohin.“

Falk sah auf seine Uhr.

Fünf Minuten vergingen.

Dann zehn.

Über Funk kam eine leise Meldung.

„Sie bewegen sich.“

Falk hob den Kopf.

„Richtung?“

„Ins Inselinnere.“

Falk stand auf.

„Jetzt.“

Sein Team setzte sich in Bewegung.

Nicht auf die Bucht zu.

Sondern auf den Weg, den die Entführer nehmen mussten.

Falk wollte Anna nicht dort retten, wo die Entführer sie erwarteten.

Er wollte sie dort abfangen, wo sie glaubten, bereits entkommen zu sein.

Kapitel 4 – Das Landeteam

Das Boot glitt lautlos in den Schatten der Mangroven.

Falk sprang als Erster ins flache Wasser. Der Boden gab unter seinen Schuhen nach, und warmes Wasser reichte ihm bis zu den Knien. Hinter ihm folgten Mendoza und drei weitere Männer. Niemand sprach.

Sie hatten die Position der Entführer auf wenige hundert Meter eingegrenzt. Noch wussten die Männer auf der anderen Seite der Insel nicht, dass Falks Team bereits an Land war.

Falk hob die Hand.

Das Team blieb stehen.

Vor ihnen bewegten sich Schatten zwischen den Bäumen.

„Drei Personen“, flüsterte Mendoza.

Falk sah durch das dichte Blattwerk.

Die Entführer hatten Anna zwischen sich genommen. Einer ging voraus, zwei folgten hinter ihr. Der Rest der Gruppe war weiter vorne unterwegs.

„Sie teilen sich auf“, sagte Mendoza leise.

Falk nickte.

Das war gefährlich.

Wenn die Gruppe auseinanderfiel, konnte Anna in eine andere Richtung gebracht werden.

Er gab ein kurzes Zeichen.

Zwei Männer lösten sich aus der Gruppe und verschwanden zwischen den Bäumen. Mendoza blieb bei Falk.

„Warte.“

Sie beobachteten die Entführer.

Anna stolperte.

Einer der Männer packte sie am Arm und zog sie weiter.

Falk sah, wie sie sich kurz umsah.

Sie hatte sie bemerkt.

Oder zumindest ahnte sie, dass jemand in der Dunkelheit war.

Falk wartete noch einen Augenblick.

Dann hörte er über Funk die Stimme eines Teammitglieds.

„Position erreicht.“

Falk antwortete nur:

„Jetzt.“

Alles geschah gleichzeitig.

Von der Seite kamen zwei Männer aus dem Dickicht. Die Entführer fuhren herum. Einer hob die Waffe, doch bevor er reagieren konnte, war Mendoza bereits bei Anna.

„Runter!“

Anna ließ sich fallen.

Falk ging auf den Mann mit dem Falkenring zu.

Der Entführer wich zurück.

„Du.“

Falk erkannte ihn sofort.

„Du bist der Mann vom Boot.“

Der Mann grinste.

„Und du bist Falk.“

Falk blieb stehen.

„Woher kennst du meinen Namen?“

Der Mann antwortete nicht.

Stattdessen rannte er.

Falk setzte ihm nach.

Die beiden verschwanden zwischen den Bäumen.

Hinter ihnen versuchten die anderen Entführer, sich zu sammeln, doch das Landeteam hatte ihnen den Weg abgeschnitten. Innerhalb weniger Sekunden war die Situation unter Kontrolle.

Nur der Mann mit dem Falkenring war entkommen.

Falk hörte Schritte hinter sich.

„Falk!“

Er drehte sich um.

Mendoza stand zwischen den Bäumen.

„Anna ist sicher.“

Falk sah zurück in die Dunkelheit.

„Der Mann kennt meinen Namen.“

„Woher?“

„Genau das will ich herausfinden.“

Anna kam langsam auf sie zu. Ihr Gesicht war erschöpft, ihre Kleidung vom Wasser und Schlamm durchnässt.

„Sie haben gesagt, Sie suchen mich.“

Falk nickte.

„Das tun wir.“

„Wer sind Sie wirklich?“

Falk sah sie einen Moment lang an.

„Jemand, der Sie nach Hause bringt.“

Anna schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Falk schwieg.

„Sie wissen etwas“, sagte sie.

„Was?“

Anna sah zu dem Wald, in dem der Entführer verschwunden war.

„Der Mann mit dem Ring hat gesagt, mein Vater hätte etwas, das ihnen gehört.“

Falks Blick veränderte sich.

„Hat er noch etwas gesagt?“

Anna überlegte.

„Nein.“

Dann erinnerte sie sich.

„Doch.“

Falk wartete.

„Bevor wir von der Insel weggebracht wurden, hatte er einen kleinen schwarzen Kasten dabei. Darauf stand der Name meines Vaters.“

Falk sah Mendoza an.

„Keller?“

Anna nickte.

„Ja.“

Falk blickte zur Küste.

Im selben Augenblick knackte das Funkgerät.

„Falk.“

Er nahm es.

„Ja?“

„Wir haben das Boot untersucht.“

„Und?“

Eine Pause.

„Es war nicht für eine Entführung vorbereitet.“

Falk runzelte die Stirn.

„Was bedeutet das?“

„Keine Vorräte. Kein zweiter Treibstoffkanister. Nichts, was auf einen längeren Transport hindeutet.“

Falk sah Anna an.

„Dann war die Insel nicht das Ziel.“

„Was dann?“

Falk antwortete erst nach einigen Sekunden.

„Nur ein Zwischenstopp.“

Er blickte in den dunklen Wald.

Der Mann mit dem Falkenring war verschwunden.

Aber Falk war sicher, dass sie sich wiedersehen würden.

Und beim nächsten Mal würde der Mann nicht versuchen, Anna zu entführen.

Er würde versuchen, sie zurückzubekommen.

 

 

Teil 2

Kapitel 5 – Der zweite Auftrag

 Der Regen setzte ein, als sie die Küste erreichten. Zunächst waren es nur einzelne Tropfen, die auf die Blätter fielen. Dann öffnete sich der Himmel, und innerhalb weniger Minuten wurde aus dem tropischen Regen ein dichter Vorhang.

Anna saß im Boot, in eine Decke gehüllt, während Mendoza neben ihr die Verletzungen an ihren Handgelenken untersuchte.

„Nur oberflächlich“, sagte er. „Trotzdem sollten wir das später ärztlich anschauen lassen.“  Anna nickte.Sie wirkte erschöpft, aber gefasst.

Falk stand am Heck und sah zurück zur Insel.

„Er ist noch dort“, sagte Anna.

Falk drehte sich um.

„Wer?“

„Der Mann mit dem Ring.“

„Das wissen wir.“

„Nein.“ Anna schüttelte den Kopf. „Sie verstehen nicht.“

Falk trat näher.

„Dann erklären Sie es mir.“

Anna zog die Decke enger um ihre Schultern.

„Als ich auf dem Boot war, hat er mit jemandem telefoniert.“

Falk sagte nichts.

„Er hat nur wenige Worte gesagt. Aber einen Satz habe ich verstanden.“

„Welchen?“

Anna sah ihn direkt an.

„Er sagte: Der Deutsche ist bereits hier.“

Falks Gesicht wurde ernst.

„Wann?“

„Kurz bevor wir auf der Insel angelegt haben.“

Mendoza sah Falk an.

„Dann wussten sie von uns.“

„Ja.“

Falk blickte erneut zurück.

Die Insel war inzwischen fast vollständig im Regen verschwunden.

„Aber woher?“

Niemand antwortete.

Das Boot nahm Kurs auf das Festland.

Drei Stunden später saß Anna in einem gesicherten Raum der deutschen Vertretung.

Vor ihr stand eine Tasse Tee, die sie nicht angerührt hatte.

Falk saß ihr gegenüber.

Mendoza hatte den Raum verlassen.

„Sie müssen mir nicht alles erzählen“, sagte Falk. „Aber ich brauche eine Sache.“

Anna sah ihn an.

„Welche?“

„Was genau wollte der Mann von Ihrem Vater?“

„Ich weiß es nicht.“

„Hat Ihr Vater jemals von ihm gesprochen?“

„Nein.“

„Von irgendeiner Organisation? Einer Gruppe auf den Philippinen?“

„Nein.“

Falk lehnte sich zurück.

„Dann fangen wir anders an.“

Er legte das Foto des schwarzen Kastens auf den Tisch.

Anna betrachtete es.

„Das ist es.“

„Was?“

„Das war auf dem Boot.“

Falk schob das Foto näher zu ihr.

„Sind Sie sicher?“

„Ja.“

„Was stand darauf?“

„Der Name meines Vaters.“

Falk nickte.

„Und darunter?“

Anna schloss kurz die Augen.

Sie versuchte, sich zu erinnern.

„Eine Nummer.“

„Welche?“

„Ich weiß es nicht mehr genau.“

Falk wartete.

„Es waren sechs Stellen.“

„Sechs Zahlen?“

„Ja.“

Anna sah ihn plötzlich erschrocken an.

„Moment.“

Sie griff nach einem Blatt Papier.

„Ich glaube, ich kann mich erinnern.“

Falk reichte ihr einen Stift.

Anna schrieb langsam sechs Ziffern auf.

Falk betrachtete sie.

Dann nahm er sein Telefon.

„Mendoza.“

Die Tür öffnete sich.

Falk hielt ihm das Blatt hin.

„Überprüfen.“

Mendoza sah die Zahlen an.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Woher hast du die?“

„Von Anna.“

Mendoza sah zu ihr.

„Das ist keine Telefonnummer.“

„Was dann?“

Mendoza antwortete nicht sofort.

Er nahm sein eigenes Telefon und begann zu tippen.

Wenige Sekunden später sah er Falk an.

„Das ist eine Referenznummer.“

„Für was?“

„Für einen Container.“

Falk stand auf.

„Wo?“

Mendoza nannte einen Hafen.

Falk sah Anna an.

Sie verstand sofort.

„Dort sollte etwas ankommen?“

„Oder bereits angekommen sein.“

Falk griff nach seiner Jacke.

„Was ist in dem Container?“

Mendoza schüttelte den Kopf.

„Das wissen wir noch nicht.“

Falk ging zur Tür.

Anna stand ebenfalls auf.

„Was passiert jetzt?“

Falk blieb stehen.

„Jetzt finden wir heraus, warum Sie entführt wurden.“

„Und wenn Sie die Antwort gefunden haben?“

Falk sah sie an.

„Dann entscheiden wir, ob Ihre Entführer wirklich hinter Ihnen her waren.“

Anna runzelte die Stirn.

„Was meinen Sie damit?“

Falk öffnete die Tür.

„Vielleicht waren Sie nur der Schlüssel.“

Er ging hinaus.

Anna blieb allein zurück.

Auf dem Tisch lag noch immer das Blatt mit den sechs Zahlen.

Draußen wartete bereits Mendoza.

„Wir haben ein Problem“, sagte er.

Falk blieb stehen.

„Welches?“

„Der Container ist heute Morgen aus dem Hafen verschwunden.“

Falk sah ihn an.

„Wer hat ihn abgeholt?“

Mendoza hielt ihm sein Telefon hin.

Auf dem Bildschirm war ein Foto.

Ein schwarzer Lastwagen.

Und auf der Fahrertür prangte ein kleines Zeichen.

Ein Falkenkopf.

Falk sah lange auf das Bild.

Dann sagte er:

„Wir haben den Ring.“

Mendoza nickte.

„Und jetzt wissen wir, wohin er gehört.“

Falk steckte das Telefon ein.

„Dann fahren wir.“

Diesmal würde er nicht auf die Entführer warten.

Kapitel 6 – Der Container

Der Container stand nicht mehr dort, wo er laut System stehen sollte.

Falk betrachtete das Foto auf Mendozas Tablet und sagte zunächst nichts. Hinter dem Zaun des Hafengeländes türmten sich Container zu langen, farblosen Wänden. Dazwischen verliefen schmale Fahrwege, auf denen Lastwagen im gleichmäßigen Rhythmus hin und her fuhren. Alles wirkte geschäftig und zugleich vollkommen anonym.

„Referenz stimmt“, sagte Mendoza. „Container wurde vor drei Tagen eingeliefert. Danach wurde er in den Zwischenbereich gestellt.“

„Und wann ist er verschwunden?“

„Gestern Nacht.“

Falk hob den Blick. „Offiziell?“

Mendoza zögerte. „Offiziell ist er nicht verschwunden.“

Falk sah ihn an.

„Das System sagt, er steht noch hier.“

Jetzt verstand Falk.

Jemand hatte nicht einfach einen Container gestohlen. Jemand hatte dafür gesorgt, dass die Papierspur weiterlief, während der Container längst unterwegs war.

Sie fuhren mit einem unauffälligen Wagen in Richtung des Lagerbereichs. Mendoza hatte ihnen Zugang verschafft, ohne die deutsche Mission zu erwähnen. Falk trug keine Waffe sichtbar, keine Uniform, nichts, was ihn als Ermittler erkennen ließ. Trotzdem hatte er das Gefühl, dass sie bereits beobachtet wurden.

Der Gedanke ließ ihn nicht los.

Der junge Mann auf der Insel hatte gewusst, dass er kommen würde.

Nicht ungefähr.

Sondern rechtzeitig.

Als sie ausstiegen, zeigte Mendoza auf eine Reihe abgestellter Container.

„Dort.“

Falk ging langsam am Zaun entlang. Der fragliche Stellplatz war mit einer weißen Nummer markiert. Auf dem Boden waren noch dunkle Reifenspuren zu erkennen, die durch den Regen der vergangenen Nacht kaum verwischt worden waren.

Er ging in die Hocke.

„Der Container wurde hier abgeholt.“

„Das wissen wir.“

„Nein.“

Falk zeigte auf die Spuren.

„Sie haben ihn nicht mit einem normalen Hafentransporter geholt.“

Mendoza trat näher.

„Warum?“

„Zu wenig Platz zum Rangieren. Der Fahrer musste rückwärts ansetzen und anschließend wenden.“ Falk deutete auf die Spur, die knapp an einer Betonbegrenzung vorbeiführte. „Jemand kannte diesen Bereich.“

Mendoza sah auf sein Tablet.

„Dann brauchen wir die Kameras.“

Falk richtete sich auf.

„Wenn sie noch existieren.“

Sie gingen zum Kontrollgebäude.

Zehn Minuten später hatten sie die Aufzeichnungen.

Zwei Stunden Material. Dutzende Lastwagen. Container, Kräne, Arbeiter. Nichts Auffälliges.

Bis Mendoza die Aufnahme anhielt.

Ein schwarzer Lastwagen rollte gegen 02:17 Uhr durch das Tor.

Kein Logo.

Kein Firmenname.

Nur das kleine Zeichen auf der Tür.

Ein Falke.

Falk trat näher an den Bildschirm.

„Zurück.“

Mendoza spulte zurück.

Der Lastwagen erschien erneut.

Diesmal bemerkte Falk etwas, das er beim ersten Mal übersehen hatte.

Am Steuer saß niemand, den er erkennen konnte. Das Gesicht lag im Schatten. Aber neben dem Fahrerfenster bewegte sich für einen Augenblick eine Hand.

Ein dunkler Ring.

Mit einem Falkenkopf.

Falk blieb reglos.

„Das ist er“, sagte Mendoza.

„Vielleicht.“

„Der Mann von der Insel.“

Falk schüttelte den Kopf.

„Nicht unbedingt.“

Er sah weiter auf den Bildschirm.

„Vielleicht ist genau das der Punkt.“

Mendoza verstand nicht.

Falk deutete auf das Emblem des Lastwagens.

„Sie wollen, dass wir es wiedererkennen.“

In diesem Moment ging im Kontrollraum das Licht aus.

Nicht flackernd.

Nicht zufällig.

Es wurde einfach dunkel.

Mendoza griff instinktiv nach seinem Telefon.

„Was ist passiert?“

Niemand antwortete.

Draußen heulte ein Schiffshorn.

Falk blieb vor dem Monitor stehen. Das Bild war schwarz geworden, doch auf dem Tablet lief die Aufzeichnung noch einige Sekunden weiter.

Dann erschien eine letzte Bewegung.

Der Lastwagen fuhr durch das Hafentor.

Dahinter saß ein zweites Fahrzeug.

Ein unscheinbarer weißer Lieferwagen.

Falk beugte sich näher zum Bildschirm.

Auf der Heckklappe klebte ein kleiner Aufkleber.

Eine deutsche Flagge.

Darunter stand ein Name.

KELLER LOGISTICS.

Falk spürte, wie sich etwas in seinem Magen zusammenzog.

Mendoza sah ihn an.

„Das ist der Name von Annas Vater.“

Falk antwortete nicht.

Denn jetzt war ihm klar, dass die Container-Spur nicht zu den Entführern führte.

Sie führte zurück zu dem Mann, dessen Tochter sie entführt hatten.

Und irgendwo zwischen diesem Container, dem schwarzen Lastwagen und dem verschwundenen schwarzen Koffer lag offenbar etwas, das Annas Vater seit Jahren verborgen hielt.

Falk nahm sein Telefon.

„Wir müssen zurück.“

„Zur Mission?“

„Zu Anna.“

Mendoza runzelte die Stirn.

„Warum?“

Falk sah noch einmal auf das Standbild des Lastwagens.

„Weil ich glaube, dass sie uns nicht nur beobachten.“

Er steckte das Telefon ein.

„Sie warten darauf, dass Anna sich an etwas erinnert.“

Draußen sprang plötzlich ein Motor an.

Falk drehte sich zum Fenster.

Zwischen den Containern bewegte sich ein schwarzer Wagen.

Für einen kurzen Moment sah er den Fahrer.

Dann verschwand das Fahrzeug hinter einer Containerreihe.

Falk war bereits auf dem Weg zur Tür.

„Los.“

Diesmal wartete er nicht auf Mendoza.

Kapitel  7  - Die leere Suite

Falk bemerkte zuerst die Stille.

Als der Wagen vor der deutschen Vertretung hielt, war es kurz nach drei Uhr morgens. Der Regen hatte nachgelassen, und über dem Gelände lag diese eigentümliche Ruhe, die nur wenige Stunden vor Sonnenaufgang entstand. Ein Wachmann öffnete das Tor, erkannte Mendoza und trat zur Seite.

Falk stieg aus.

„Wo ist Anna?“, fragte er.

Mendoza sah auf die Uhr.

„Im gesicherten Gästehaus.“

„Wer ist bei ihr?“

„Niemand. Das war so vereinbart.“

Falk blieb stehen.

„Niemand?“

„Sie wollte schlafen. Außerdem war die Lage als stabil eingestuft.“

Falk sah ihn an.

„Nach dem, was wir gerade herausgefunden haben?“

Mendoza antwortete nicht.

Gemeinsam gingen sie durch den Eingangsbereich. Zwei Mitarbeiter der Sicherheitsabteilung saßen an ihren Schreibtischen. Einer hob den Kopf, als Falk vorbeiging.

„Alles ruhig“, sagte er.

Falk blieb stehen.

„Seit wann?“

„Seit wir zurück sind.“

„Wer war zuletzt bei Frau von Keller?“

Der Mann überlegte.

„Dr. Weber.“

„Wann?“

„Gegen zwei.“

Falk sah Mendoza an.

„Und danach?“

„Sie sollte in das Gästehaus gebracht werden.“

„Sollte?“

Der Sicherheitsmitarbeiter wurde unsicher.

„Es gab eine Änderung.“

Falk trat einen Schritt näher.

„Welche Änderung?“

„Der medizinische Dienst hat eine Untersuchung empfohlen. Wegen der Verletzungen an den Handgelenken.“

„Wer hat das angeordnet?“

„Nicht angeordnet. Empfohlen.“

„Und wer hat die Empfehlung umgesetzt?“

Der Mann öffnete den Mund, schloss ihn wieder und sah auf seinen Bildschirm.

„Eine Fahrerin.“

Falk spürte, wie sich sein Misstrauen verdichtete.

„Name.“

„Maria Santos.“

„Ist sie noch hier?“

„Nein. Sie hat Anna vor etwa einer Stunde abgeholt.“

Mendoza sah auf die Uhr.

„Warum hat uns niemand informiert?“

Der Sicherheitsmitarbeiter zeigte auf den Computer.

„Die Änderung wurde im System eingetragen.“

Falk trat an den Bildschirm.

Dort stand tatsächlich ein Eintrag.

Transport medizinische Untersuchung – genehmigt.

Darunter eine Uhrzeit.

02:08 Uhr.

Und eine digitale Freigabe.

Falk betrachtete die Signatur.

„Wer hat das freigegeben?“

Der Mann nannte einen Namen.

Falk kannte ihn nicht.

„Wo ist diese Person?“

„Im Nachtdienst.“

„Holen Sie sie.“

Der Mitarbeiter griff zum Telefon.

Falk ging bereits weiter.

„Gästehaus.“

Mendoza folgte ihm.

„Wenn sie zu einer Untersuchung gebracht wurde, finden wir sie.“

Falk antwortete nicht.

Denn genau das war das Problem.

Wenn Anna tatsächlich in eine Klinik gebracht worden war, hätte es eine zweite Bestätigung geben müssen. Ein Fahrzeug. Eine medizinische Aufnahme. Einen Arzt.

Irgendetwas.

Und Falk glaubte nicht daran, dass eine Organisation, die ihre Geiselnehmer bis auf eine Insel verfolgt hatte, ausgerechnet jetzt vergessen würde, eine verletzte Zeugin zu überwachen.

Sie erreichten das Gästehaus.

Die Tür war nicht aufgebrochen.

Kein Kampf.

Keine Spuren.

Falk öffnete.

Das Zimmer war leer.

Auf dem Bett lag die Decke, die Anna getragen hatte. Daneben stand die Tasse Tee, inzwischen kalt.

Ihr Rucksack war noch da.

Ihr Telefon ebenfalls.

Falk blieb im Türrahmen stehen.

Mendoza sah sich um.

„Sie ist freiwillig mitgegangen.“

„Ja.“

„Dann ist sie nicht entführt worden.“

Falk sah ihn an.

„Das habe ich nicht gesagt.“

Er ging zum Schreibtisch.

Dort lag ein Blatt Papier.

Eine Liste mit Medikamenten, darunter ein Name und eine handschriftliche Notiz.

Falk nahm das Blatt nicht sofort an sich.

„Wann wurde das geschrieben?“

Mendoza trat neben ihn.

„Heute Abend.“

Falk deutete auf die Handschrift.

„Das ist nicht von Anna.“

„Woher willst du das wissen?“

„Weil sie mir vorhin gesagt hat, dass sie nichts gegen Schmerzen nehmen wollte.“

Mendoza schwieg.

Falk sah zur Tür.

„Sie hat uns verlassen, weil sie glaubte, dass alles offiziell ist.“

„Und wer hat dafür gesorgt?“

Falk antwortete erst nach einigen Sekunden.

„Jemand, der wusste, dass sie hier sicher untergebracht war.“

Er ging zurück in den Flur.

Der Sicherheitsmitarbeiter kam ihnen entgegen.

„Wir haben die Fahrerin erreicht.“

Falk blieb stehen.

„Wo ist sie?“

„Nicht mehr im Dienst.“

„Wo?“

„Sie sagt, sie habe Anna zum medizinischen Zentrum gebracht.“

Mendoza fragte:

„Welches?“

Der Mann nannte den Namen einer privaten Klinik.

Falk sah ihn scharf an.

„Hat die Klinik den Transport bestätigt?“

„Noch nicht.“

„Dann tun Sie das jetzt.“

Wenige Minuten später kam die Antwort.

Die Klinik hatte keine Patientin namens Anna von Keller aufgenommen.

Falk legte langsam das Telefon auf den Tisch.

Niemand sagte etwas.

Dann fragte er:

„Das Fahrzeug.“

Der Sicherheitsmitarbeiter sah ihn an.

„Was?“

„Welches Fahrzeug wurde benutzt?“

„Ein grauer Van.“

„Kennzeichen?“

Der Mann nannte die Nummer.

Mendoza griff sofort zum Telefon.

„Ich überprüfe die Zufahrten.“

Falk ging zurück in Annas Zimmer.

Er betrachtete erneut den Raum.

Das Fenster war geschlossen.

Die Tür hatte von innen keine Beschädigung.

Auf dem Tisch lag ihr Rucksack.

Das Telefon.

Die Decke.

Alles war noch da.

Nur Anna fehlte.

Dann fiel sein Blick auf den Stuhl.

Über der Lehne hing eine dünne Jacke.

Falk nahm sie hoch.

In der Tasche fand er etwas.

Ein kleines Stück Papier.

Darauf standen sechs Ziffern.

Dieselben sechs Ziffern wie auf dem Container.

Falk sah auf das Blatt.

Dann verstand er.

Anna hatte die Nummer nicht einfach aus ihrer Erinnerung aufgeschrieben.

Sie hatte sie irgendwo erneut gesehen.

Und jemand hatte gewollt, dass sie sie sah.

Falk steckte das Papier ein.

Mendoza kam herein.

„Der Van ist weg.“

„Seit wann?“

„Vor vierundzwanzig Minuten wurde er zuletzt von einer Kamera erfasst.“

„Wo?“

Mendoza zeigte auf die Karte.

Falk sah darauf.

Die Strecke führte nicht zur Klinik.

Sie führte zum Hafen.

Genau zu dem Bereich, in dem der Container verschwunden war.

Falk hob den Kopf.

„Jetzt wissen wir, warum sie Anna nicht einfach getötet haben.“

Mendoza sah ihn an.

„Sie brauchen sie.“

„Nein.“

Falk zeigte auf die Karte.

„Sie brauchen etwas, das nur sie ihnen geben kann.“

„Was?“

Falk dachte an das Gespräch im Boot.

An den Satz des jungen Mannes.

Der Deutsche ist bereits hier.

Dann sah er auf die sechs Ziffern.

„Die Container-Nummer.“

Mendoza schüttelte den Kopf.

„Die haben sie doch schon.“

„Die Nummer, ja.“

Falk ging zur Tür.

„Aber offenbar nicht das, was dahintersteht.“

Draußen begann es wieder zu regnen.

Falk zog seine Jacke an.

„Wir fahren zum Hafen.“

Mendoza sah ihn an.

„Und wenn sie dort ist?“

Falk blieb kurz stehen.

„Dann holen wir sie zurück.“

„Und wenn sie nicht dort ist?“

Falk blickte noch einmal auf die leere Tür von Annas Zimmer.

„Dann finden wir heraus, wohin sie gebracht wurde.“

Er ging hinaus.

Diesmal war es kein Rettungseinsatz mehr.

Es war eine Jagd.

Und irgendwo am Hafen wartete ein Container, dessen Inhalt offenbar wichtiger war als die Frau, die man dafür entführt hatte.

Kapitel 8 – Der Inhalt

 Der Hafen lag noch im Dunkeln, als Falk und Mendoza das Gelände erreichten.

Über den Containerreihen hing feuchte Luft, und aus der Ferne drang das tiefe Dröhnen eines Schiffes. Die Beleuchtung der Kräne spiegelte sich auf den nassen Fahrwegen. Alles wirkte unverändert, fast beruhigend.

Doch Falk wusste inzwischen, dass genau das gefährlich sein konnte.

„Dort“, sagte Mendoza.

Am Ende eines abgelegenen Lagerbereichs stand der Container.

Die Nummer stimmte.

Falk blieb einige Meter entfernt stehen.

„Keine Bewegung.“

Mendoza sah ihn an.

„Was erwartest du?“

„Dass wir ihn finden sollen.“

„Warum?“

„Weil er zu leicht zu finden ist.“

Sie warteten.

Nichts geschah.

Keine Schritte. Kein Fahrzeug. Kein Schatten zwischen den Containern.

Schließlich gingen sie näher.

Das Schloss war nicht beschädigt.

Mendoza überprüfte die Nummer.

„Er ist es.“

Falk legte die Hand auf die Tür.

„Dann öffnen wir ihn.“

Die Tür klemmte zunächst. Als sie schließlich nachgab, drang ein kalter, abgestandener Geruch heraus.

Der Container war fast leer.

An den Seiten standen einige Holzkisten. Dazwischen befanden sich Verpackungsmaterial und mehrere alte Metallregale.

Falk trat hinein.

„Das soll es gewesen sein?“

Mendoza leuchtete mit der Taschenlampe über die Kisten.

„Vielleicht wurde der Inhalt entfernt.“

Falk blieb stehen.

Auf dem Boden waren Spuren zu erkennen.

Nicht viele.

Aber deutlich genug.

Jemand hatte schwere Kisten bewegt.

„Hier war mehr“, sagte er.

Mendoza öffnete eine der verbliebenen Kisten.

Darin lagen Aktenordner.

Keine Waffen.

Keine Drogen.

Keine Elektronik.

Nur Papier.

Mendoza zog einen Ordner heraus.

Auf dem Deckel stand:

KELLER – ARCHIV 1998–2004

Falk nahm ihm den Ordner aus der Hand.

Er blätterte.

Die ersten Seiten enthielten Lieferlisten, Hafenprotokolle und Namen von Firmen, die längst nicht mehr existierten.

Dann blieb er stehen.

Ein Name war mehrfach markiert.

Lukas Keller.

Anna von Kellers Vater.

Mendoza sah ihn an.

„Das ist älter als Anna.“

„Ja.“

Falk blätterte weiter.

Dann fand er eine Seite, die offensichtlich nachträglich in den Ordner gelegt worden war.

Ein Foto.

Darauf waren drei Männer vor einem Lagerhaus zu sehen.

Der mittlere Mann war jung.

Falk kannte ihn nicht.

Aber der Mann rechts war unverkennbar.

Lukas Keller.

Mendoza beugte sich über das Foto.

„Was macht ein deutscher Politiker in einem philippinischen Hafen?“

Falk antwortete nicht.

Unter dem Foto stand eine handschriftliche Notiz:

Projekt Sulu – Übergabe abgeschlossen.

Darunter ein Datum.

1999

Falk las die Zeile ein zweites Mal.

Dann sah er Mendoza an.

„Das ist der Grund.“

„Wofür?“

„Für Anna.“

Mendoza verstand noch immer nicht.

Falk legte das Foto auf eine Kiste.

„Sie haben sie nicht ausgewählt, weil sie die Tochter eines Ministers ist.“

„Sondern?“

„Weil ihr Vater etwas mit diesem Projekt zu tun hatte.“

Mendoza schüttelte den Kopf.

„Das erklärt noch nicht, warum sie Anna brauchen.“

Falk blätterte weiter.

Eine Liste.

Namen.

Geburtsdaten.

Familienangehörige.

Und neben einigen Namen handschriftliche Vermerke.

Bei Lukas Keller stand:

Nachfolger unbekannt.

Daneben ein zweiter Eintrag.

Familienlinie weiterhin vorhanden.

Falk starrte auf die Worte.

„Familienlinie.“

Mendoza sah ihn an.

„Anna.“

Falk nickte.

Plötzlich ergab der Satz des Entführers einen anderen Sinn.

Ihr Vater hat etwas, das uns gehört.

Es ging möglicherweise gar nicht um einen Gegenstand.

Es ging um Wissen.

Um eine Person.

Um etwas, das über Jahre weitergegeben worden war.

Falk nahm den nächsten Ordner.

Darin lag eine alte Kopie eines deutschen Dokuments.

Oben stand ein Aktenzeichen.

Darunter ein Name, den Falk sofort erkannte.

Nicht Lukas Keller.

Ein anderer Name.

Ein deutscher Nachrichtendienstmitarbeiter.

Falk wurde still.

Mendoza bemerkte es.

„Was ist?“

Falk faltete das Dokument zusammen.

„Das gehört nicht hierher.“

„Was steht darin?“

„Noch weiß ich es nicht.“

Er wollte das Dokument einstecken.

Dann hörte er etwas.

Ein Geräusch außerhalb des Containers.

Ein kurzes metallisches Klacken.

Falk löschte sofort die Taschenlampe.

„Mendoza.“

Beide blieben stehen.

Schritte näherten sich.

Langsam.

Dann blieb jemand direkt vor dem Container stehen.

Eine Stimme sagte:

„Herr Falk.“

Falk kannte sie.

Der junge Mann von der Insel.

Mendoza hob die Hand.

Falk bedeutete ihm, ruhig zu bleiben.

Die Stimme kam erneut.

„Sie suchen Anna.“

Falk antwortete nicht.

„Sie ist nicht hier.“

Falk trat einen Schritt näher an die Tür.

„Wo ist sie?“

Eine kurze Pause.

„Dort, wo sie sein muss.“

„Warum?“

Der Mann lachte leise.

„Weil ihr Vater vor siebenundzwanzig Jahren eine Entscheidung getroffen hat.“

Falk spürte, wie sich seine Finger um das Dokument schlossen.

„Welche Entscheidung?“

Wieder Stille.

Dann sagte der Mann:

„Er hat uns etwas genommen.“

„Was?“

„Eine Zukunft.“

Falk trat hinaus.

Doch draußen war niemand.

Nur der Regen.

Am Ende der Containerreihe bewegte sich ein Schatten und verschwand zwischen den Lagerhallen.

Mendoza wollte ihm folgen.

Falk hielt ihn zurück.

„Nein.“

„Wir können ihn noch erwischen.“

„Das ist genau das, was er will.“

Falk sah auf den Ordner in seiner Hand.

Dann auf das alte Foto.

Und plötzlich verstand er die eigentliche Falle.

Der Container war nie das Ziel gewesen.

Er war eine Einladung.

Man hatte gewusst, dass Falk die Nummer verfolgen würde. Man hatte gewusst, dass er den Container öffnen würde. Und man hatte gewusst, dass er die alten Unterlagen finden musste.

Die Entführer wollten nicht verhindern, dass er die Wahrheit erfuhr.

Sie wollten, dass er sie erfuhr.

Denn damit war Falk nicht länger nur der Mann, der Anna suchte.

Er war Teil der Geschichte geworden.

Mendoza sah ihn an.

„Was machen wir jetzt?“

Falk steckte das Dokument ein.

„Wir finden heraus, was 1999 in Sulu passiert ist.“

„Und Anna?“

Falk sah in die Dunkelheit.

„Sie ist der Druckpunkt.“

Er schwieg einen Moment.

„Aber nicht gegen ihren Vater.“

Mendoza wartete.

Falk sah ihn an.

„Gegen mich.“

In diesem Augenblick vibrierte sein Telefon.

Eine unbekannte Nummer.

Eine Nachricht.

Nur ein Foto.

Anna.

Sie saß in einem dunklen Raum.

Lebendig.

Unverletzt.

Auf dem Tisch vor ihr lag ein alter Aktenordner.

Daneben eine Nachricht.

FRAG DEINEN VATER NACH PROJEKT SULU.

Falk betrachtete das Bild lange.

Dann sagte er:

„Jetzt wissen wir, warum sie sie genommen haben.“

Mendoza sah ihn fragend an.

Falk steckte das Telefon ein.

„Sie wollen, dass Anna die Wahrheit über ihren Vater erfährt.“

Er blickte noch einmal auf den leeren Container.

„Und sie wollen, dass ich dabei helfe.“

Kapitel 9 – Die Akte von 1999

Falk schlief in dieser Nacht nicht.

Zurück in der deutschen Vertretung hatte er sich in einen kleinen Besprechungsraum zurückgezogen. Vor ihm lagen die Unterlagen aus dem Container, daneben das Foto von Anna und das Dokument, das er dort an sich genommen hatte.

Mendoza stellte zwei Tassen Kaffee auf den Tisch.

„Du solltest wenigstens versuchen, ein paar Stunden zu schlafen.“

Falk reagierte nicht.

Er hatte den Ordner inzwischen dreimal durchgesehen.

Nicht die Geschichten darin interessierten ihn zunächst, sondern die Widersprüche.

Die erste Liste trug das Datum März 1999. Es handelte sich um eine Aufstellung von Lieferungen, die über einen philippinischen Hafen gelaufen waren. Lebensmittel, medizinische Ausrüstung, technische Ersatzteile.

Auf den ersten Blick nichts Besonderes.

Doch Falk hatte gelernt, dass sich interessante Dinge selten dort versteckten, wo jemand sie auffällig platzierte.

Er legte drei Seiten nebeneinander.

„Sieh dir die Mengen an.“

Mendoza trat näher.

„Was stimmt nicht?“

„Die Ladung.“

„Was ist damit?“

Falk deutete auf die Zahlen.

„Auf dem Papier wurden zwölf Container als humanitäre Hilfslieferung deklariert. Aber die Gewichte passen nicht zusammen.“

Mendoza sah genauer hin.

„Ein paar Tonnen Unterschied.“

„Bei einem einzelnen Container wäre das nicht ungewöhnlich. Aber bei allen zwölf.“

Er nahm einen Bleistift.

„Die Gewichte wurden offenbar nach einem festen Verhältnis angepasst.“

„Damit die Gesamtmenge stimmt?“

„Nein.“

Falk blätterte zurück.

„Damit die Container nicht auffallen.“

Mendoza sah ihn an.

„Du glaubst, dass etwas anderes darin war.“

„Ich glaube, dass jemand die Ladung verschleiert hat.“

Er nahm das alte Foto.

Auf der Rückseite befand sich eine kaum lesbare handschriftliche Notiz.

Übergabe 17/99 – Nordlager.

Darunter zwei Initialen.

L.K.

Mendoza sah auf das Foto.

„Lukas Keller.“

„Wahrscheinlich.“

„Aber warum sollte ein Politiker von heute damals an einer solchen Übergabe beteiligt gewesen sein?“

Falk hob den Blick.

„Vielleicht war er damals noch kein Politiker.“

Mendoza schwieg.

Falk nahm sein Telefon und rief einen Kontakt in Berlin an.

„Ich brauche den beruflichen Lebenslauf von Lukas Keller für die Jahre 1995 bis 2002. Nicht die offizielle Kurzfassung. Alles, was öffentlich oder dienstlich nachvollziehbar ist.“

Er legte auf.

Dann nahm er das nächste Dokument.

Es war nur eine Kopie.

Der obere Teil war abgeschnitten.

Falk drehte das Blatt um.

Auf der Rückseite befand sich ein Stempel.

BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND – VERTRAULICH.

Darunter ein Aktenzeichen.

Falk schrieb es auf.

Mendoza betrachtete die Nummer.

„BND?“

„Noch weiß ich es nicht.“

„Du erkennst ein BND-Aktenzeichen nicht?“

„Das Problem ist nicht die Nummer.“

Falk tippte mit dem Finger auf den Stempel.

„Das Papier stammt aus einer Zeit, in der diese Form des Stempels bereits ersetzt worden war.“

Mendoza sah ihn an.

„Dann ist es eine Fälschung?“

„Oder eine Kopie einer Kopie.“

Falk nahm eine Lupe aus seiner Tasche.

Er untersuchte die Schrift.

„Interessant.“

„Was?“

„Die Unterschrift.“

Mendoza beugte sich über das Dokument.

„Was ist damit?“

„Sie wurde nicht mit demselben Stift geschrieben wie der Rest.“

„Das bedeutet?“

„Jemand hat die Unterschrift später hinzugefügt.“

Falk legte das Dokument zurück.

„Damit wird es noch interessanter.“

Er nahm das Foto von Anna.

Dann legte er es neben das alte Foto von 1999.

„Sie haben uns absichtlich dieses Material hinterlassen.“

Mendoza nickte langsam.

„Damit wir es finden.“

„Genau.“

Falk betrachtete die beiden Bilder.

Anna.

Ihr Vater.

Das Lagerhaus.

Der Hafen.

Und plötzlich fiel ihm etwas auf.

Er nahm das Foto von 1999 wieder in die Hand.

Im Hintergrund stand ein Container.

Nur ein Teil der Nummer war zu erkennen.

Falk nahm die sechsstellige Nummer von Annas Blatt.

Er verglich sie mit dem Foto.

Die ersten drei Ziffern stimmten.

Mendoza sagte nichts.

Falk suchte weiter.

Unter dem Container war ein kleines Schild angebracht.

Ein Firmenname.

Keller International Logistics.

„Das gibt es nicht“, sagte Mendoza.

„Was?“

„Die Firma.“

Mendoza nahm sein Telefon.

„Keller International Logistics wurde erst 2003 gegründet.“

Falk sah ihn an.

„Dann ist das Foto nicht von 1999.“

Mendoza blickte erneut auf die Aufnahme.

Falk drehte das Foto um.

Auf der Rückseite stand tatsächlich:

17.09.1999

Falk lehnte sich zurück.

Jetzt hatte er einen Widerspruch, der schwerer wog als alle anderen.

„Das Foto wurde nachträglich datiert.“

„Von wem?“

Falk schüttelte den Kopf.

„Das müssen wir herausfinden.“

In diesem Moment klingelte sein Telefon.

Berlin.

Falk nahm ab.

„Falk.“

Eine Stimme meldete sich.

„Wir haben etwas zu Keller.“

Falk stand auf.

„Was?“

„Er war 1998 und 1999 tatsächlich auf den Philippinen.“

Falk sah Mendoza an.

„In welcher Funktion?“

Eine kurze Pause.

„Offiziell als Berater eines deutschen Hilfsprojekts.“

„Und inoffiziell?“

Am anderen Ende wurde es still.

Dann kam die Antwort.

„Das wissen wir nicht.“

Falks Blick fiel auf das alte Foto.

„Noch etwas?“

„Ja.“

„Was?“

„Das Projekt hieß nicht Sulu.“

Falk richtete sich auf.

„Wie hieß es?“

„Projekt Falken.“

Im Raum wurde es still.

Mendoza sah ihn an.

Falk legte langsam das Telefon auf.

Auf dem Tisch lag noch immer das Foto mit dem Falkenkopf.

Er nahm es hoch.

„Dann war der Falke nicht das Zeichen der Entführer.“

Mendoza sah ihn fragend an.

Falk antwortete:

„Er war schon vorher da.“

Er nahm den Ordner und schloss ihn.

„Und jetzt müssen wir herausfinden, wem er damals gehört hat.“

Sein Telefon vibrierte erneut.

Eine neue Nachricht.

Keine Nummer.

Nur ein Satz:

DU SUCHST AN DER FALSCHEN STELLE, FALK.

Darunter eine zweite Zeile.

FRAG NACH DEM ZWÖLFTEN CONTAINER.

Falk las die Nachricht zweimal.

Dann sah er auf die Lieferliste.

Zwölf Container.

Er zählte die Einträge.

Eins bis elf.

Dann blieb er stehen.

Der zwölfte Container fehlte.

Nicht im Hafen.

Nicht in der Liste.

Nicht einmal in der ursprünglichen Dokumentation.

Falk sah Mendoza an.

„Jetzt haben wir unsere Spur.“

„Wohin?“

Falk nahm seine Jacke.

„Zu einem Container, von dem offiziell niemand weiß, dass er existiert.“

Kapitel 10 – Der zwölfte Container

Der Regen hatte aufgehört, als Falk und Mendoza das Hafengelände verließen.

Im Wagen sagte zunächst keiner etwas. Die Stadt lag noch im Dunkeln, nur vereinzelt waren Lichter in den Häusern zu sehen. Falk hatte den Ordner auf die Rückbank gelegt und die Kopie des alten Dokuments vor sich.

„Der zwölfte Container“, sagte Mendoza schließlich.

Falk nickte.

„Wenn es ihn wirklich gab, muss irgendwo ein Datensatz existieren.“

„Und wenn er nie offiziell registriert wurde?“

„Dann wurde er trotzdem bewegt.“

Mendoza sah ihn kurz an.

„Du glaubst, dass der Container von 1999 noch existiert?“

„Nein.“

Falk blickte aus dem Fenster.

„Aber ich glaube, dass sein Inhalt existiert.“

Sie fuhren zurück zur Vertretung.

Dort wartete bereits eine Nachricht aus Berlin. Falk öffnete sie auf seinem Telefon. Der berufliche Lebenslauf von Lukas Keller war eingetroffen.

Er überflog die ersten Seiten.

Studium.

Wirtschaftliche Beratung.

Humanitäre Projekte.

Mehrere Auslandsaufenthalte.

Dann blieb er an einem Eintrag hängen.

September 1999 – Sonderberater für ein deutsches Wiederaufbauprogramm auf den Philippinen.

Darunter stand ein zweiter Vermerk.

Projekt beendet nach Sicherheitsvorfall.

Falk sah Mendoza an.

„Sicherheitsvorfall.“

„Was ist passiert?“

„Das steht hier nicht.“

Er scrollte weiter.

Ein Name tauchte auf.

Dr. Martin Reuter.

Mendoza runzelte die Stirn.

„Wer ist das?“

„Keine Ahnung.“

Falk öffnete die Anlage.

Ein altes Gruppenfoto erschien.

Vier Männer standen vor einem Gebäude.

Lukas Keller war darauf zu erkennen.

Daneben ein älterer deutscher Beamter.

Der dritte Mann war offenbar ein philippinischer Projektleiter.

Der vierte Mann war nur halb zu sehen.

Falk vergrößerte das Bild.

Am rechten Rand des Fotos stand ein junger Mann.

Er trug ein dunkles Hemd.

Und an seiner rechten Hand glänzte ein dunkler Ring.

Falk wurde still.

Mendoza beugte sich über das Display.

„Das kann nicht sein.“

„Warum?“

„Der Mann von der Insel ist vielleicht dreißig.“

„Heute.“

Falk betrachtete das Foto.

„Das Bild ist von 1999.“

Beide schwiegen.

Dann sagte Mendoza:

„Dann ist er nicht der Mann auf dem Foto.“

„Nein.“

Falk legte das Telefon auf den Tisch.

„Aber jemand hat ihm diesen Ring gegeben.“

Er griff nach dem Ordner.

Zwischen zwei Seiten lag ein dünnes Blatt, das ihnen bisher entgangen war.

Darauf standen nur vier Zeilen.

Container 12

Empfänger: L.K.

Übergabe: nicht erfolgt

Grund: Verrat

Falk las den letzten Satz noch einmal.

„Verrat“, sagte Mendoza.

„Das ist der entscheidende Punkt.“

„Keller hat jemanden verraten?“

Falk schüttelte den Kopf.

„Oder jemand glaubt, dass er es getan hat.“

Er nahm das alte Foto.

„Wenn die Übergabe nicht erfolgt ist, muss Keller etwas zurückbehalten haben.“

Mendoza deutete auf die Akte.

„Und deshalb wurde das Projekt beendet.“

Falk nickte.

„Vielleicht.“

In diesem Moment klingelte das Telefon.

Eine unbekannte Nummer.

Falk nahm ab.

Niemand sprach.

Dann hörte er eine Stimme.

„Sie haben den zwölften Container gefunden.“

Falk erkannte sie sofort.

Der junge Mann.

„Wo ist Anna?“

„Sie stellen die falsche Frage.“

„Dann stellen Sie mir die richtige.“

Ein kurzes Lachen.

„Was hat Lukas Keller damals mitgenommen?“

Falk sah Mendoza an.

„Das weiß ich noch nicht.“

„Doch.“

Die Stimme wurde leiser.

„Sie haben es gerade in der Hand.“

Falk blickte auf die Kopie.

„Das Dokument?“

„Nicht das Dokument.“

Eine Pause.

„Die Lücke.“

Die Verbindung brach ab.

Falk blieb mit dem Telefon am Ohr sitzen.

Mendoza wartete.

„Was meint er?“

Falk sah auf die Akte.

Dann begann er, die Seiten erneut durchzusehen.

Lieferlisten.

Hafenprotokolle.

Namen.

Gewichte.

Unterschriften.

Plötzlich fiel ihm etwas auf.

Bei elf Containern waren die Ladungen detailliert aufgeführt.

Nur einer hatte keinen Inhalt.

Container zwölf.

Falk legte die elf Einträge nebeneinander.

„Schau.“

Mendoza trat näher.

„Was?“

„Alle Container wurden von derselben Firma angemeldet.“

„Ja.“

„Aber nicht derselben Person.“

Mendoza sah genauer hin.

Die Unterschriften unterschieden sich.

Falk zeigte auf die zwölfte Zeile.

„Hier fehlt die Unterschrift.“

„Vielleicht wurde sie vergessen.“

„Nein.“

Falk nahm einen Bleistift und strich die Zeilen ab.

„Bei jedem anderen Container gibt es drei Stationen: Absender, Hafen, Empfänger.“

Er zeigte auf Nummer zwölf.

„Hier gibt es nur Absender und Hafen.“

Mendoza verstand.

„Kein Empfänger.“

„Genau.“

„Dann sollte der Container nie ausgeliefert werden.“

Falk sah ihn an.

„Oder er wurde ausgeliefert, bevor er offiziell angekommen ist.“

Mendoza schwieg.

Falk stand auf.

„Wir brauchen die alten Hafenarchive.“

„Die sind wahrscheinlich längst digitalisiert.“

„Dann suchen wir nicht nach dem Container.“

Er nahm die Akte.

„Wir suchen nach dem Mann, der ihn abgeholt hat.“

Mendoza griff nach seiner Jacke.

„Und wenn wir ihn finden?“

Falk blickte auf das Foto.

Der junge Mann von heute.

Der Ring.

Lukas Keller.

Projekt Sulu.

Der zwölfte Container.

Alles schien auf denselben Punkt zuzulaufen.

„Dann finden wir vielleicht heraus, was Anna gesehen hat.“

„Was meinst du?“

Falk zeigte auf die letzte Nachricht.

Frag deinen Vater nach Projekt Sulu.

„Anna hat die Nachricht bekommen.“

„Ja.“

„Aber sie hat noch etwas anderes bekommen.“

Mendoza sah ihn fragend an.

Falk nahm das Foto aus der Nachricht.

Anna saß darin vor dem Aktenordner.

Er zoomte das Bild heran.

Auf dem Tisch lag ein Blatt Papier.

Nur ein kleiner Teil war sichtbar.

Falk vergrößerte es.

Eine Zahl.

Dann ein Name.

REUTER.

Falk lehnte sich zurück.

„Dr. Martin Reuter.“

Mendoza wurde blass.

„Du kennst ihn?“

„Nein.“

Falk stand auf.

„Aber jemand möchte unbedingt, dass wir ihn kennenlernen.“

Er nahm den Ordner und ging zur Tür.

„Wo fahren wir hin?“, fragte Mendoza.

Falk blieb stehen.

„Nicht zum Hafen.“

„Wohin dann?“

„Wir suchen Dr. Reuter.“

Er öffnete die Tür.

„Denn wenn er noch lebt, ist er wahrscheinlich der Einzige, der weiß, was wirklich im zwölften Container war.“

Draußen begann der Morgen.

Und irgendwo auf einer anderen Insel wartete Anna.

Auf den Tisch vor ihr legte jemand langsam einen alten Schlüssel.

An seinem Anhänger stand nur eine Zahl.

Kapitel 11 – Die Spur von Reuter

Falk begann mit dem Namen.

Nicht mit dem Container, nicht mit Anna und auch nicht mit Projekt Sulu.

Dr. Martin Reuter.

Wenn Reuter tatsächlich an der Übergabe von 1999 beteiligt gewesen war, musste es eine Spur geben, die nicht aus den Unterlagen der damaligen Operation stammte. Menschen verschwanden aus Akten. Firmen verschwanden. Namen wurden geändert. Aber irgendwo hinterließen sie fast immer etwas, das sich nicht vollständig löschen ließ.

Mendoza saß am gegenüberliegenden Ende des Tisches und hatte inzwischen drei Telefone vor sich.

„Ich habe die erste Spur.“

Falk sah auf.

„Welche?“

„Reuter war kein Mitarbeiter des Auswärtigen Amts.“

„Das wissen wir.“

„Aber er war auch nicht offiziell Teil des Hilfsprojekts.“

Falk wartete.

Mendoza schob ihm einen Ausdruck hin.

„Er arbeitete für eine deutsche Beratungsfirma. Damals hieß sie Meridian Consulting.“

Falk las weiter.

„Sitz?“

„Hamburg.“

„Damals?“

„Damals Hamburg. Heute gibt es die Firma nicht mehr.“

Falk legte das Blatt auf den Tisch.

„Das ist keine Spur.“

„Doch.“

Mendoza schob ein zweites Dokument nach.

„Die Firma wurde 2006 aufgelöst. Aber einer der Geschäftsführer hat später eine neue Gesellschaft gegründet.“

Falk sah auf den Namen.

Thomas Voss.

„Und Voss?“

„Lebt.“

„Wo?“

„Singapur.“

Falk nahm den Stift.

„Was hat Voss mit Reuter zu tun?“

Mendoza öffnete eine weitere Datei.

„Sie waren gemeinsam an mehreren Projekten beteiligt. Philippinen, Indonesien, Malaysia.“

Falk hob den Kopf.

„Nach 1999?“

„Ja.“

Das war der erste Hinweis, der ihm gefiel.

Nicht weil er viel erklärte.

Sondern weil er etwas bewies.

Reuter war nach dem Ende von Projekt Sulu nicht verschwunden.

Er hatte weitergemacht.

Falk stand auf.

„Wir sprechen mit Voss.“

„Jetzt?“

„Jetzt.“

Mendoza nahm sein Telefon.

„Der Mann sitzt in Singapur.“

„Dann ruf ihn an.“

Mendoza wählte die Nummer.

Es dauerte lange, bis jemand abnahm.

Eine ältere Männerstimme meldete sich.

„Voss.“

Mendoza stellte sich vor.

Als er den Namen Reuter erwähnte, wurde die Stimme am anderen Ende sofort still.

„Woher haben Sie diesen Namen?“

Falk trat näher.

Mendoza stellte auf Lautsprecher.

„Wir untersuchen ein Ereignis von 1999.“

„Das ist lange her.“

„Nicht für uns.“

Wieder Stille.

Dann fragte Voss:

„Geht es um Keller?“

Falk sah Mendoza an.

„Ja.“

Voss atmete hörbar aus.

„Dann hätten Sie nicht anrufen sollen.“

„Warum?“

„Weil die Leute, die damals nach Keller gesucht haben, heute wieder nach ihm suchen.“

Falk nahm Mendoza das Telefon ab.

„Herr Voss, wo ist Dr. Reuter?“

„Ich weiß es nicht.“

„Wann haben Sie zuletzt mit ihm gesprochen?“

„Vor elf Jahren.“

„Und davor?“

„Regelmäßig.“

Falk blieb ruhig.

„Was ist 1999 passiert?“

Voss antwortete nicht.

„Herr Voss.“

„Sie verstehen nicht.“

„Dann erklären Sie es mir.“

Ein leises Geräusch war zu hören, als würde Voss ein Fenster schließen.

„Der zwölfte Container war keine Lieferung.“

Falk sagte nichts.

„Er war eine Übergabe.“

„Von was?“

„Unterlagen.“

„Welche Unterlagen?“

„Namen.“

Falks Blick wanderte zu dem Ordner.

„Welche Namen?“

Voss antwortete erst nach einigen Sekunden.

„Menschen, die für ein geheimes Netzwerk gearbeitet haben.“

Mendoza sah Falk an.

„Welches Netzwerk?“

Voss sagte nur:

„Falke.“

Falk spürte einen kurzen Druck in der Brust.

„Was bedeutet das?“

„So nannten sie sich.“

„Wer?“

„Leute aus mehreren Ländern. Geschäftsleute. Beamte. Vermittler. Einige waren früher beim Militär. Andere in Nachrichtendiensten.“

Falk unterbrach ihn.

„Und Keller?“

„Keller sollte die Namen übergeben.“

„Hat er es getan?“

„Nein.“

Falk sah auf das Foto des jungen Mannes mit dem Ring.

„Was hat er stattdessen gemacht?“

Voss schwieg.

Dann sagte er:

„Er hat die Liste behalten.“

Die Verbindung knackte.

„Warum?“

„Weil er herausgefunden hatte, wer auf der Liste stand.“

Falk beugte sich vor.

„Wer?“

„Das weiß ich nicht.“

„Sie wissen es.“

„Nein.“

„Doch.“

Falks Stimme wurde härter.

„Sonst hätten Sie nach sechsundzwanzig Jahren nicht aufgelegt, sobald ich Reuter erwähne.“

Voss sagte nichts.

Dann:

„Fragen Sie Keller selbst.“

„Das geht nicht.“

„Warum?“

Falk sah Mendoza an.

„Weil seine Tochter entführt wurde.“

Die Stille am anderen Ende war diesmal länger.

„Anna?“

Falk erstarrte.

„Sie kennen ihren Namen.“

Voss antwortete nicht.

Falk fragte:

„Woher?“

Keine Antwort.

Dann brach die Verbindung ab.

Mendoza sah auf das Telefon.

„Er wusste von Anna.“

„Ja.“

„Und er wusste, dass sie entführt wurde.“

Falk nickte.

„Damit ist klar, dass die Sache größer ist als die Insel.“

Er nahm den Ausdruck mit Voss' Adresse.

„Wir müssen herausfinden, woher er wusste, dass Anna entführt wurde.“

Mendoza stand auf.

„Ich kümmere mich darum.“

Falk schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Warum?“

„Weil wir gerade etwas Wichtigeres erfahren haben.“

Er zeigte auf den Namen Voss.

„Er hat nicht gefragt, wann sie entführt wurde.“

Mendoza sah ihn an.

„Sondern?“

„Er hat sofort gewusst, wer sie ist.“

Falk nahm sein Telefon.

„Das bedeutet, dass jemand ihm ihren Namen gegeben hat.“

„Von wem?“

„Von jemandem, der wusste, dass Anna das Ziel sein würde.“

Falk ging zur Tür.

„Und genau diese Person müssen wir finden.“

Mendoza folgte ihm.

„Und Reuter?“

Falk blieb stehen.

„Reuter kommt danach.“

„Warum?“

Falk sah ihn an.

„Weil Voss gerade bestätigt hat, dass die Liste existiert.“

Er hob den Ordner.

„Und wenn Keller sie tatsächlich behalten hat, dann ist Anna nicht wegen etwas entführt worden, das ihr Vater getan hat.“

Mendoza wartete.

Falk sagte:

„Sie wurde entführt, weil jemand glaubt, dass sie weiß, wo die Liste ist.“

In diesem Moment vibrierte sein Telefon.

Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.

Keine Worte.

Nur ein Foto.

Anna.

Diesmal saß sie nicht allein im Raum.

Neben ihr stand der junge Mann mit dem Ring.

Er hielt keinen Schlüssel in der Hand.

Sondern einen alten Umschlag.

Auf der Vorderseite stand:

  1. MARTIN REUTER

Darunter eine Adresse.

Falk las sie zweimal.

Dann sah er Mendoza an.

„Wir haben ihn.“

Mendoza nahm das Foto.

„Reuter?“

Falk schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Er deutete auf den Umschlag.

„Jemand hat uns gerade gezeigt, wo wir anfangen sollen.“

Dann steckte er das Telefon ein.

„Und diesmal gehen wir nicht dorthin, wo sie uns haben wollen.“

Mendoza sah ihn fragend an.

Falk nahm den Ordner vom Tisch.

„Wir finden zuerst heraus, wem die Adresse gehört.“

Er ging hinaus.

Die Suche nach Reuter hatte begonnen.

Aber Falk wusste jetzt, dass jede Spur, die man ihm gab, zwei Seiten hatte.

Eine führte zu Anna.

Die andere führte zu ihm.

Kapitel 12 – Die Adresse

Falk hielt den Schlüssel noch immer in der Hand.

Die Zahl 12 war kaum größer als ein Fingernagel, doch seit sie das Gebäude betreten hatten, schien sie alles andere zu überlagern.

„Nicht für den Container“, sagte Mendoza leise.

Falk antwortete nicht.

Er betrachtete den Schlüssel im Licht der Deckenlampe. Kein moderner Sicherheitsschlüssel, sondern ein älteres Modell. Schweres Metall, an den Kanten abgenutzt. Jemand hatte ihn oft benutzt.

„Der ist nicht hier deponiert worden, damit wir ihn finden“, sagte Falk schließlich.

Mendoza sah ihn an.

„Woher willst du das wissen?“

„Weil man uns sonst einen Hinweis gegeben hätte.“

„Und was ist das hier?“

Falk hob den Schlüssel.

„Eine Entscheidung.“

Er legte ihn auf den Tisch.

„Jemand will, dass wir ihn benutzen.“

Mendoza trat an das Fenster und blickte hinaus.

Die Straße war wieder leer. Von dem dunklen Wagen fehlte jede Spur.

„Der Mann mit dem Ring hätte uns töten können.“

„Ja.“

„Stattdessen zeigt er uns den Ring.“

„Weil er wollte, dass wir ihn erkennen.“

Mendoza drehte sich um.

„Warum?“

Falk sah auf die Notiz von Reuter.

Suchen Sie nicht nach dem zwölften Container. Suchen Sie nach dem, was niemals darin war.

Dann auf den Schlüssel.

12.

„Weil er wissen will, ob wir die richtige Spur aufnehmen.“

„Oder weil er uns auf eine falsche führen will.“

Falk nickte.

„Das ist wahrscheinlicher.“

Er nahm sein Telefon.

„Wir prüfen zuerst die Nummer zwölf.“

Mendoza setzte sich wieder an den Laptop.

Sie suchten nicht nach einem Container.

Sie suchten nach Räumen, Lagern, Schließfächern und alten Verwaltungsnummern, die mit dem Grundstück oder Meridian Holdings verbunden waren.

Nach fast zwanzig Minuten stieß Mendoza auf einen Eintrag.

„Hier.“

Falk trat neben ihn.

„Was ist das?“

„Alte Hafenverwaltung. Lagergebäude sieben. Untergeschoss.“

Mendoza öffnete den Datensatz.

„Raum zwölf.“

Falk sah auf den Schlüssel.

„Wann?“

„Der Datensatz stammt von 2002.“

„Und danach?“

Mendoza scrollte.

„Nichts.“

„Gar nichts?“

„Der Raum wurde aus dem System gelöscht.“

Falk schwieg.

„Wann?“

Mendoza sah auf das Datum.

„Vor drei Tagen.“

Falk hob langsam den Kopf.

Drei Tage.

Genau der Zeitraum, in dem Anna verschwunden war.

„Das kann kein Zufall sein.“

Mendoza öffnete den ursprünglichen Datensatz.

„Warte.“

Eine weitere Zeile erschien.

Zugangsberechtigung: M. Reuter.

Falk spürte, wie sich die Anspannung in seinem Nacken verstärkte.

„Reuter hatte Zugang zu Raum zwölf.“

„2002.“

„Aber jemand hat den Raum vor drei Tagen aus dem System gelöscht.“

Mendoza sah ihn an.

„Dann muss jemand gewusst haben, dass wir danach suchen würden.“

Falk nahm den Schlüssel.

„Oder dass wir irgendwann hier ankommen.“

In diesem Moment vibrierte sein Telefon.

Eine neue Nachricht.

Kein Text.

Nur ein Foto.

Falk öffnete es.

Anna.

Sie saß auf einem Stuhl.

Diesmal war ihr Gesicht deutlich zu erkennen.

Sie wirkte erschöpft, aber unverletzt.

Hinter ihr befand sich eine graue Wand.

Auf dem Tisch vor ihr lag ein Gegenstand.

Der Schlüssel.

Nummer zwölf.

Mendoza sah über Falks Schulter.

„Das Bild ist neu.“

„Ja.“

„Sehr neu.“

Falk vergrößerte das Foto.

Am unteren Rand war ein Teil des Tisches zu sehen.

Dort lag ein zweiter Gegenstand.

Ein schwarzer Umschlag.

Falk zoomte weiter hinein.

Auf dem Umschlag stand ein Wort.

KELLER.

Darunter eine Zahl.

17/99.

Falks Blick verhärtete sich.

„Sie haben den Schlüssel bei Anna.“

Mendoza nickte.

„Dann haben sie ihn uns nicht gegeben.“

Falk sah auf den Schlüssel in seiner Hand.

„Nein.“

Er drehte ihn langsam zwischen den Fingern.

„Sie haben uns gezeigt, dass wir ihn haben sollen.“

Mendoza schwieg.

Auf dem Telefon erschien plötzlich eine zweite Nachricht.

Diesmal nur drei Worte.

SIE HAT FÜNF MINUTEN.

Falk sah auf die Uhr.

Dann wieder auf das Foto.

„Fünf Minuten wofür?“

Mendoza schüttelte den Kopf.

„Vielleicht für eine Antwort.“

Das Telefon vibrierte erneut.

Ein neues Bild.

Anna hatte den Kopf leicht zur Seite gedreht.

Neben ihr stand der Mann mit dem Ring.

Doch diesmal sah Falk nicht auf den Ring.

Er sah auf seine linke Hand.

Dort hielt der Mann ein Blatt Papier.

Falk vergrößerte das Bild.

Oben stand:

  1. MARTIN REUTER

Darunter eine Adresse.

Und darunter, handschriftlich:

Raum 12.

Falk starrte auf die drei Wörter.

Mendoza verstand es ebenfalls.

„Sie wollen, dass wir dorthin gehen.“

„Nein.“

„Was dann?“

Falk steckte das Telefon ein.

„Sie wollen, dass Reuter glaubt, wir kommen.“

Mendoza sah ihn an.

„Du glaubst, Reuter ist dort?“

„Wenn er lebt, weiß er spätestens jetzt, dass seine alte Adresse wieder benutzt wird.“

Falk nahm die Notiz aus dem Umschlag und faltete sie zusammen.

„Die Frage ist nur, wer ihm die Nachricht schickt.“

Mendoza blickte zum Fenster.

„Voss?“

Falk schüttelte den Kopf.

„Vielleicht.“

Dann sah er auf den Schlüssel.

„Aber Voss hat etwas nicht erzählt.“

„Was?“

„Er wusste sofort, wer Anna ist.“

Falk nahm seine Jacke.

„Und er wusste vom zwölften Container.“

Mendoza stand auf.

„Du willst ihn noch einmal anrufen.“

„Nein.“

Falk ging zur Tür.

„Ich will wissen, ob er gerade mit jemandem telefoniert.“

Mendoza blieb stehen.

„Und was ist mit Anna?“

Falk hielt inne.

Für einen Moment sagte er nichts.

Dann sah er auf das Foto.

Anna saß dort, die Hände auf dem Tisch. Hinter ihr die graue Wand. Vor ihr der schwarze Umschlag.

Und irgendwo außerhalb des Bildes wartete jemand auf seine Entscheidung.

„Wir fahren nicht zu Raum zwölf.“

Mendoza sah ihn überrascht an.

„Warum nicht?“

Falk steckte den Schlüssel ein.

„Weil sie genau darauf warten.“

Er öffnete die Tür.

„Wir finden heraus, wo das Foto aufgenommen wurde.“

Mendoza folgte ihm.

„Und wenn wir es nicht rechtzeitig herausfinden?“

Falk blieb auf dem Flur stehen.

Sein Blick fiel noch einmal auf die Nachricht.

SIE HAT FÜNF MINUTEN.

Dann erschien eine letzte Zeile auf dem Display.

DIE ZEIT LÄUFT, FALK.

Falk sah Mendoza an.

„Jetzt wissen wir wenigstens, dass sie Angst haben.“

„Wer?“

Falk steckte das Telefon ein.

„Diejenigen, die wollen, dass wir glauben, sie hätten die Kontrolle.“

Er ging weiter.

Doch als Mendoza ihm folgte, bemerkte er etwas, das Falk noch nicht gesehen hatte.

Auf der Rückseite des Schlüssels war eine kleine Gravur.

Keine Zahl.

Ein Name.

REUTER.

Und darunter stand ein Datum.

18.09.1999.

Mendoza blieb stehen.

„Falk.“

Falk drehte sich um.

Mendoza hielt den Schlüssel ins Licht.

„Das Datum.“

Falk trat näher.

Einen Augenblick lang sagte keiner etwas.

Dann verstand Falk.

Der Schlüssel war nicht aus dem Jahr 2002.

Er war älter.

Ein Tag nach dem angeblichen Ende von Projekt Sulu.

Falk nahm ihn Mendoza aus der Hand.

Sein Blick wurde hart.

„Dann war Raum zwölf nicht der Ort, an dem alles begann.“

Er sah zur Tür.

„Sondern der Ort, an dem jemand versucht hat, etwas verschwinden zu lassen.“

Draußen sprang ein Motor an.

Falk und Mendoza sahen gleichzeitig zum Fenster.

Auf der Straße stand ein dunkler Wagen.

Diesmal fuhr er nicht weg.

Die Fahrertür öffnete sich.

Niemand stieg aus.

Falk sah auf den Schlüssel.

Dann auf den Wagen.

Und zum ersten Mal seit Beginn der Suche hatte er das Gefühl, dass nicht sie eine Spur verfolgten.

Sondern dass jemand sie Schritt für Schritt dorthin führte, wo er sie haben wollte.

Kapitel 13 – Raum zwölf

Der dunkle Wagen stand noch immer auf der anderen Straßenseite.

Falk beobachtete ihn durch das Fenster.

„Wir gehen nicht zu diesem Treffen“, sagte er.

Mendoza nickte.

„Aber wir müssen herausfinden, wo Anna ist.“

Falk legte den Schlüssel auf den Tisch.

„Und wir haben endlich einen Anhaltspunkt.“

Er deutete auf die Gravur.

REUTER – 18.09.1999.

Mendoza öffnete erneut die alten Hafenunterlagen. Gemeinsam gingen sie die Gebäude durch, die 1999 unter Meridian Holdings geführt worden waren.

Nach wenigen Minuten fand Mendoza einen Treffer.

„Hier.“

Falk trat neben ihn.

„Lagerkomplex Nordhafen.“

„Raum zwölf?“

Mendoza nickte.

„Ein unterirdischer Archivraum. Zugang nur mit einem mechanischen Schlüssel.“

Falk sah auf den Schlüssel.

„Und wann wurde der Raum geschlossen?“

Mendoza scrollte.

„Am 18. September 1999.“

Falk schwieg.

„Einen Tag nach dem Foto“, sagte Mendoza.

„Und wer hatte danach noch Zugang?“

Mendoza öffnete einen weiteren Datensatz.

„Reuter.“

Falk nahm den Schlüssel.

„Dann fahren wir dorthin.“

„Und wenn Anna dort ist?“

Falk sah ihn an.

„Dann holen wir sie heraus.“

œDer alte Lagerkomplex lag am Rand des Hafens und war inzwischen weitgehend aufgegeben.

Falk und Mendoza betraten das Gelände durch ein Tor, dessen Schloss bereits aufgebrochen war.

Im Inneren war es dunkel.

Sie fanden eine Treppe, die unter das Gebäude führte.

Am Ende des Ganges befand sich eine eiserne Tür.

Auf ihr stand eine verblasste Zahl.

12.

Falk hielt den Schlüssel davor.

Mendoza sah ihn an.

„Das ist zu einfach.“

„Ja.“

Falk steckte den Schlüssel trotzdem ins Schloss.

Er passte.

Die Tür öffnete sich.

Der Raum dahinter war klein.

Ein Tisch.

Ein Stuhl.

Ein alter Metallschrank.

Und an der hinteren Wand ein zweites Tor.

Falk ging zum Schrank.

Er war leer.

Auf dem Tisch lag nur ein Umschlag.

Für Lukas Keller.

Falk öffnete ihn.

Darin befand sich ein einziges Blatt.

Die Liste darf niemals in die Hände einer einzelnen Person gelangen.

Darunter standen zwölf Namen.

Einer davon war Keller.

Ein anderer Reuter.

Ein dritter Voss.

Der vierte Name ließ Falk erstarren.

Er kannte ihn.

Der ehemalige deutsche Nachrichtendienstmitarbeiter vom Foto.

Daneben stand:

Koordination – Falke.

Mendoza trat näher.

„Das ist der Mann.“

Falk nickte.

„Er hat das Netzwerk aufgebaut.“

„Wer ist es?“

Falk sagte den Namen.

Mendoza sah ihn erschrocken an.

„Aber der Mann ist seit Jahren tot.“

Falk blickte auf die Liste.

„Offiziell.“

Plötzlich hörten sie über sich Schritte.

Dann eine Tür.

Falk löschte die Lampe.

Stille.

Eine Stimme hallte durch den Gang.

„Herr Falk.“

Falk erkannte sie sofort.

Thomas Voss.

„Sie hätten auf die Nachricht hören sollen.“

Falk trat aus dem Schatten.

„Wo ist Anna?“

Voss blieb am oberen Ende der Treppe stehen.

„Lebendig.“

„Wo?“

„In Sicherheit.“

„Das entscheide nicht ich.“

Voss sah ihn lange an.

„Nein. Das entscheidet der Mann, der damals die Liste geteilt hat.“

„Der Mann ist tot.“

Voss lächelte nicht.

„Sein Name vielleicht.“

Dann ging das Licht aus.

Ein dumpfer Schlag.

Die Tür fiel zu.

Mendoza fuhr herum.

„Falk!“

Im selben Moment ertönte aus dem Lautsprecher des Raumes eine Stimme.

Die Stimme des jungen Mannes mit dem Falkenring.

„Sie haben die Tür geöffnet.“

Falk sah zur Decke.

„Wo ist Anna?“

„Noch fünf Minuten.“

„Das sagst du seit einer Stunde.“

„Diesmal stimmt es.“

Ein kurzer Signalton erklang.

Dann erschien auf einem alten Monitor ein Bild.

Anna.

Sie saß in einem Raum mit einer großen Fensterfront.

Hinter ihr war das Meer zu sehen.

Falk erkannte sofort die Bucht.

„Mendoza.“

„Ich sehe es.“

Falk zoomte das Bild gedanklich heran.

Ein Leuchtturm.

Ein langer Steg.

Eine rote Boje.

Er kannte den Ort.

„Das ist die alte Küstenstation.“

Mendoza nickte.

„Etwa zwanzig Minuten von hier.“

Die Stimme aus dem Lautsprecher sagte:

„Jetzt wissen Sie, wo sie ist.“

Falk ging zur Tür.

„Und was willst du dafür?“

Eine Pause.

„Die Liste.“

Falk sah auf das Dokument in seiner Hand.

„Die Liste existiert nicht mehr.“

„Doch.“

„Sie wurde geteilt.“

Stille.

Dann:

„Genau.“

Falk verstand.

„Du willst nicht die Liste.“

„Nein.“

„Du willst wissen, wer sie hat.“

„Jetzt verstehen Sie.“

Die Verbindung brach ab.

Falk steckte die Liste ein.

„Los.“

Die Küstenstation lag verlassen zwischen Felsen und Meer.

Falk und Mendoza erreichten sie kurz vor Sonnenuntergang.

Das Gebäude war leer.

Keine Wachen.

Keine Fahrzeuge.

Keine Geräusche.

Falk blieb vor der Tür stehen.

„Zu ruhig.“

Mendoza nickte.

Sie gingen hinein.

Im ersten Raum war niemand.

Im zweiten ebenfalls.

Dann hörten sie eine Stimme.

„Falk.“

Anna.

Er folgte dem Klang.

Eine Tür öffnete sich.

Anna stand dort.

Allein.

Falk blieb stehen.

Für einen Moment sagte keiner etwas.

Dann ging Anna auf ihn zu.

Falk sah sie an.

„Bist du verletzt?“

„Nein.“

„Sicher?“

Sie nickte.

„Sie wollten, dass ich etwas finde.“

„Was?“

Anna zeigte auf einen Tisch.

Dort lag ein alter schwarzer Ordner.

„Das.“

Falk öffnete ihn.

Auf der ersten Seite stand:

PROJEKT SULU – 1999

Darunter:

Originalverzeichnis – nicht übergeben.

Falk sah Anna an.

„Wo ist der junge Mann?“

„Er war gerade noch hier.“

Ein Geräusch kam vom hinteren Teil des Gebäudes.

Falk drehte sich um.

Der junge Mann trat aus dem Schatten.

Der Falke-Ring glänzte an seiner Hand.

Mendoza zog seine Waffe.

Falk hob die Hand.

„Warte.“

Der junge Mann blieb stehen.

„Sie wollten die Wahrheit.“

Falk sah ihn an.

„Dann erzähl sie.“

Der Mann nahm den Ring ab.

Zum ersten Mal wirkte er nicht wie ein Entführer.

Sondern wie jemand, der eine Rolle abgelegt hatte.

„Mein Großvater war einer der Männer auf der Liste.“

Falk sagte nichts.

„Er wurde 1999 verraten. Keller sollte die Namen übergeben. Er tat es nicht.“

„Warum?“

„Weil er erkannt hatte, dass auch deutsche Stellen beteiligt waren.“

Anna trat näher.

„Mein Vater hat die Liste behalten, um die Beteiligten unter Kontrolle zu halten.“

Falk sah sie an.

„Das hat er dir gesagt?“

„Nicht alles.“

Sie deutete auf den Ordner.

„Aber Reuter hat mir geschrieben.“

Falk blätterte weiter.

In den Unterlagen fanden sich Kopien von Briefen, Kontobewegungen und alten Besprechungsnotizen.

Und schließlich eine Erklärung von Lukas Keller.

Falk las sie langsam.

Keller hatte die Übergabe abgebrochen, weil die Liste nicht nur Namen von Mitgliedern des Netzwerks enthielt.

Sie enthielt auch Beweise dafür, dass einzelne Beteiligte die Grenzen ihrer offiziellen Aufträge überschritten hatten.

Keller hatte die Liste deshalb nicht übergeben.

Er hatte Kopien angefertigt.

Eine hatte Reuter erhalten.

Eine weitere Voss.

Und eine behielt Keller selbst.

Die Liste war nicht verschwunden.

Sie war geteilt worden.

Falk blickte zum jungen Mann.

„Und du wolltest die Kopie deines Großvaters.“

„Ich wollte wissen, warum er sterben musste.“

„Er wurde nicht getötet.“

Der junge Mann sah ihn an.

Falk hielt eine Seite hoch.

„Hier steht, dass er 2001 unter falschem Namen ausgereist ist.“

Der junge Mann wurde blass.

„Das ist nicht möglich.“

„Doch.“

Falk reichte ihm das Dokument.

„Dein Großvater hat überlebt.“

Der Mann las die Zeilen.

Seine Hand begann zu zittern.

Dann setzte er sich.

Zum ersten Mal seit Beginn der ganzen Geschichte schien er nicht mehr zu wissen, was er sagen sollte.

Falk wandte sich an Anna.

„Wer hat dich wirklich entführt?“

Anna sah zu dem jungen Mann.

„Nicht er.“

Falk verstand.

„Voss.“

Der junge Mann hob den Kopf.

„Voss hat uns benutzt.“

Falk nickte.

„Natürlich.“

Er dachte an den Anruf.

An Voss' Wissen über Anna.

An die Adresse.

An den Ring.

„Er brauchte jemanden, der das alte Netzwerk glaubwürdig aussehen lässt.“

Anna sagte leise:

„Und er brauchte mich.“

Falk sah sie an.

„Warum?“

„Weil ich Zugang zu meinem Vater hatte.“

Sie öffnete den Ordner.

„Und weil Voss wusste, dass mein Vater mir irgendwann die Wahrheit erzählen würde.“

Falk nahm sein Telefon.

Keine Verbindung.

Dann hörten sie draußen einen Motor.

Falk ging zum Fenster.

Ein schwarzer Wagen hielt vor der Küstenstation.

Thomas Voss stieg aus.

Diesmal war er allein.

Er blieb vor dem Gebäude stehen.

„Er ist hier“, sagte Mendoza.

Falk nickte.

Voss blickte direkt zum Fenster.

Dann hob er eine Hand.

In seiner Hand befand sich ein zweiter dunkler Ring.

Ein Falke.

Falk sah ihn an.

„Jetzt wissen wir, wem der ursprüngliche Ring gehört hat.“

Voss betrat das Gebäude.

Er blieb wenige Meter vor Falk stehen.

„Sie hätten die Sache ruhen lassen sollen.“

Falk antwortete ruhig:

„Sie hatten sechsundzwanzig Jahre Zeit.“

Voss sah zu Anna.

„Ihr Vater hätte die Liste niemals behalten dürfen.“

„Und Sie hätten sie niemals bekommen dürfen“, sagte Anna.

Voss lächelte kalt.

„Sie verstehen nicht, was auf dieser Liste steht.“

Falk trat einen Schritt vor.

„Doch.“

Er hielt die Kopie hoch.

„Und deshalb ist sie nicht mehr das, was Sie brauchen.“

Voss' Blick veränderte sich.

„Was meinen Sie?“

„Alle Kopien sind inzwischen gesichert.“

Das war nicht ganz wahr.

Aber es reichte.

Voss wusste nicht, welche Kopie Falk meinte.

Einen Augenblick lang sagte niemand etwas.

Dann griff Voss in seine Jacke.

Mendoza reagierte sofort.

Voss blieb stehen.

Seine Hand lag noch immer in der Jacke.

„Sie wissen nicht, was Sie tun.“

Falk sah ihn an.

„Doch.“

Draußen wurden Stimmen laut.

Mehrere Fahrzeuge näherten sich.

Voss blickte zum Fenster.

Falk sagte:

„Die philippinischen Behörden sind unterwegs.“

Voss sah ihn an.

„Sie bluffen.“

„Vielleicht.“

Voss zog langsam die Hand aus der Jacke.

Darin hielt er keinen Revolver.

Sondern ein Telefon.

Auf dem Display war eine Nachricht geöffnet.

Wir haben Reuter.

Falk erstarrte.

Voss sah ihn an.

„Das ist der Mann, den Sie suchen.“

Dann lächelte er zum ersten Mal.

„Und jetzt haben Sie ein Problem.“

Falk antwortete nicht.

Denn in diesem Moment klingelte sein eigenes Telefon.

Eine unbekannte Nummer.

Er nahm ab.

Eine schwache Stimme sagte:

„Falk?“

Er erkannte sie sofort.

Reuter.

„Wo sind Sie?“

„Nicht weit von Ihnen.“

Falk sah Voss an.

„Wer hat Sie?“

Reuter atmete schwer.

„Niemand.“

Falk schwieg.

„Ich habe Voss seit Jahren beobachtet.“

„Warum?“

„Weil ich wusste, dass er irgendwann versuchen würde, die Liste zurückzubekommen.“

Falk sah Anna an.

„Und warum haben Sie uns hierher geführt?“

„Weil Anna die Einzige war, die ihn aus seinem Versteck locken konnte.“

Voss' Gesicht wurde hart.

Falk verstand.

Alles hatte sich gedreht.

Die Entführung.

Der Schlüssel.

Die Adresse.

Der Ring.

Nicht alles war von Voss kontrolliert worden.

Reuter hatte im Hintergrund gewartet.

Und Voss war schließlich selbst gekommen.

Draußen näherten sich die Fahrzeuge.

Voss sah zur Tür.

Falk sagte:

„Es ist vorbei.“

Voss antwortete leise:

„Nein.“

Dann ließ er das Telefon fallen und rannte zur Hintertür.

Falk folgte ihm.

Voss erreichte den Steg.

Doch dort wartete bereits Mendoza.

Voss blieb stehen.

Hinter ihm kam Falk.

Vor ihm das Wasser.

Zum ersten Mal hatte er keinen Ausweg.

Er hob langsam die Hände.

Der dunkle Falkenring glitt von seinem Finger und fiel auf die Holzplanken.

Falk ging hinüber und hob ihn auf.

„Das hier“, sagte er, „hat lange genug Menschen Angst gemacht.“

Voss sah ihn an.

„Sie glauben, damit sei alles vorbei?“

Falk steckte den Ring ein.

„Nein.“

Er blickte zurück zur Küstenstation.

Anna stand dort.

Frei.

„Aber für Sie ist es vorbei.“

 Epilog

 Drei Wochen später saß Falk wieder in Berlin.

Auf seinem Schreibtisch lag eine dünne Akte.

Projekt Sulu – Abschlussbericht.

Die Namen auf der Liste waren inzwischen an die zuständigen Behörden übergeben worden.

Nicht alle Verdächtigen waren noch am Leben.

Nicht alle Vorwürfe ließen sich beweisen.

Aber die Existenz des Netzwerks war dokumentiert.

Thomas Voss saß in Untersuchungshaft.

Der junge Mann von der Insel hatte den Behörden die Geschichte seiner Familie erzählt und den Ring abgegeben.

Dr. Martin Reuter war nach Deutschland zurückgekehrt.

Und Lukas Keller hatte seiner Tochter endlich die Wahrheit über das Jahr 1999 erzählt.

Anna selbst war wieder bei ihrer Familie.

Falk öffnete die letzte Seite der Akte.

Dort lag eine Fotokopie des alten Fotos.

Vier Männer.

Keller.

Reuter.

Voss.

Und der Mann, der offiziell nie bei Projekt Sulu gewesen war.

Auf der Rückseite stand noch immer:

Die Liste wurde nie übergeben. Sie wurde geteilt.

Falk betrachtete den Satz lange.

Dann legte er die Kopie zurück.

Sein Telefon klingelte.

Mendoza.

„Du hast die Akte gesehen?“

„Ja.“

„Dann fehlt dir noch etwas.“

„Was?“

„Ich habe den ursprünglichen Eintrag zum zwölften Container gefunden.“

Falk schwieg.

„Was stand darin?“

Mendoza antwortete:

„Empfänger: L.K.“

„Das wissen wir.“

„Nein. Du verstehst nicht.“

Eine Pause.

„L.K. stand nicht für Lukas Keller.“

Falk setzte sich auf.

„Für wen dann?“

Mendoza sagte:

„Leutnant Karl.“

Falk erinnerte sich an den vierten Mann auf dem Foto.

Den ehemaligen Nachrichtendienstmitarbeiter.

„Sein vollständiger Name?“

Mendoza nannte ihn.

Falk sagte nichts.

„Er lebt übrigens.“

Falk blickte aus dem Fenster.

„Wo?“

„In München.“

Ein langer Moment verging.

Dann sagte Falk:

„Schick mir die Adresse.“

Mendoza lachte leise.

„Ich wusste, dass du das sagst.“

Die Verbindung endete.

Falk blieb sitzen.

Draußen ging die Sonne über Berlin unter.

Auf seinem Schreibtisch lag der dunkle Falkenring.

Er hatte geglaubt, die Geschichte sei beendet.

Jetzt wusste er es besser.

Projekt Sulu war abgeschlossen.

Aber die Vergangenheit hatte noch eine letzte Tür.

Und irgendwo dahinter wartete bereits der nächste Name.

 ENDE

Stimmen von Lesern

Hans Fischer, Amerang:

packender Politthriller mit dem BND-Agenten Jonas Frank. Spannend erzählt mit realistisch wirkenden Hintergrund. Könnte tatsächlich so passiert sein!

Roswitha Bruckner, Bad Endorf:

Grtaf von Falkenstein schreibt sehr realistisch und nachvollziehbar. Seine Helden sind nicht übermenschlich, sondern relativ "normal